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Aids haben immer nur andere |
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Aids ist die globale Krankheit unserer Zeit. Wissenschaftler reden darüber bei Tagungen und Kongressen, Medien berichten. Aber bei den Betroffenen ist das Thema immer noch Tabu, wenigstens in der Dritten Welt, doch gerade sie muss am meisten unter der Krankheit leiden. |
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Tengowamtenga ist ein Ort mit einem Landkrankenhaus, etwa 60 Kilometer nördlich der malawischen Landeshauptstadt Lilongwe. 90 Prozent der Patienten sind HIV positiv. Aber die meisten sind nicht wegen Aids hier. Viele wollen auch gar nicht hören, dass sie den Virus in sich tragen, der Aids auslöst und zu einem frühen Tod führt. Dieser Virus schwächt das Immunsystem. Er befällt Helferzellen, die für die Abwehr von Krankheiten im Körper zuständig sind. So erlangen Lungenentzündung, Tuberkulose oder bestimmte Arten von Krebs die Oberhand, und die Menschen werden von der Krankheit aufgezehrt. In Swaheli wird Aids "ugonjwa wa siku hizi" die Krankheit unserer Tage oder wegen der Gewichtsabnahme der Erkrankten "ku-slim" das Abmagern genannt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Verhalten der Menschen untereinander geändert. War früher jemand so gut wie ausgestoßen, wenn die Familie erfuhr, dass er Aids hatte, so gehen die Menschen heute miteinander nach Hause und leben irgendwie weiter. Aber über die Krankheit sprechen sie nicht. Aids ist ein Tabuthema. Eine Heilung ist beim heutigen Stand der Medizin nicht möglich. Durch so genannte "antiretrovirale" Medikamente, die gegen die Vermehrung des Virus wirken, kann der Ausbruch der Krankheit über Jahre hinausgezögert werden. Diese Medikamente sind sehr teuer, und die Mehrheit der Menschen in der "Dritten Welt" kann dafür das Geld nicht aufbringen. Im Krankenhaus von Tengowamtenga, wo jede Blutprobe getestet wird, mögen die meisten Patienten nicht das wirkliche Ergebnis hören. "Ich will es nicht wissen", sagen viele zur spanischen Ordensschwester Isabella, die das Krankenhaus leitet, "oder wirst du mir die Medizin geben, die mir hilft? Wir können solch eine Medizin nicht bezahlen, also lass mich so weiterleben." Nur wenige Patienten sind im Krankenhaus, um sich mit teuren Aids-Medikamenten behandeln zu lassen und um hier "in Frieden" zu sterben. Es sind reiche Leute, Geschäftsleute oder Politiker, die über das Geld für eine Behandlung verfügen und bereit sind, eine Miete für ein Einzelzimmer zu zahlen. Der finanzielle Gewinn erlaubt dem Krankenhaus, viele Arme kostenlos zu behandeln und ihnen wenigstens ein würdiges Sterben zu ermöglichen. Eine dieser mittellosen Patienten ist Susan, eine 19-jährige Frau. Sie will nur glauben, dass es einzig ihre von Krebs faulenden Beine sind, weswegen sie im Krankenhaus ist. "Shigles" wird der Hautkrebs hier genannt, der ihre Beine befallen hat. Aber Susan ist an Aids erkrankt, weiß Schwester Isabella, und sie wird es nicht überleben. Susans Eltern sind auch an Aids gestorben. Das Leid, das Aids weltweit verursacht, ist unvorstellbar und in Zahlen nur schwer auszudrücken. Aids ist zur bekanntesten Krankheit der Welt geworden. Vor 25 Jahren wusste noch niemand etwas von ihr. HIV, der Virus, der die Krankheit auslöst, konnte erst 1984 nachgewiesen werden, nachdem zu Beginn der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die ersten Fälle aufgetreten waren. Anfangs angesehen als Krankheit, die sich unter Homosexuellen und im Drogenmilieu ausbreitete, ist Aids in nur einem Vierteljahrhundert zu einer Epidemie geworden, von der Männer und Frauen besonders in Ländern der "Dritten Welt" betroffen sind. Übertragen wird Aids durch Geschlechtskontakt, durch Blut und auch während der Geburt oder durch die Muttermilch. Vor allem Afrika ist verseucht und hier wiederum am stärksten die Länder im Süden. Nach den Berichten der Weltgesundheitsorganisation leben derzeit weltweit 39,4 Millionen Menschen, die mit HIV infiziert sind, 2,2 Millionen sind Kinder. 24,4 Millionen der Infizierten sind in Afrika südlich der Sahara zu Hause, 1,7 Millionen in Südamerika, 8,2 Millionen in Asien und dem Pazifikraum, wo sich die Zahl innerhalb von wenigen Jahren verdoppelt hat. Von den Bewohnern der westlichen Industriestaaten sind etwa 1,6 Millionen HIV-infiziert. In den vergangenen zwölf Monaten starben rund drei Millionen Menschen an Aids, 490000 davon waren Kinder unter 15 Jahren. Bei diesen Zahlen ist zu bedenken, dass sie auf Schätzungen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen beruhen. Die Folgen von Aids greifen stark in die Existenz vieler Länder ein. In Ländern wie Botswana, Malawi oder Uganda ist die durchschnittliche Lebenserwartung drastisch gesunken. Auffallend ist, dass sich Aids gerade in Ländern mit großer Armut und in Kriegsgebieten verbreitet und dort, wo ein funktionierendes System der Gesundheitsvorsorge fehlt, also meist in Entwicklungsländern. Das Wegsterben ganzer Generationen ist eine Katastrophe. Familien werden zerstört, soziale Strukturen zerfallen, die Wirtschaft kann kaum noch funktionieren, die Entwicklung kommt zum Stillstand, der ohnehin schon geringe Lebensstandard sinkt weiter. Von Beginn an breitete sich Aids in afrikanischen Ländern stark bei jenen Berufsgruppen aus, die viel herumkommen: Lastwagenfahrer, Wanderarbeiter, Beamte, Soldaten und Polizisten. Menschen aus Risikogruppen mit wechselnden Partnerschaften, Prostitution, Wegfall von sozialen Strukturen bei der Verstädterung, aber auch eine Reihe traditioneller Praktiken trugen zur raschen Verbreitung von Aids bei. Beispielsweise sind Lehrer in Malawi nach Polizei und Militär eine der großen Risikogruppen. Lehrer werden häufig versetzt. Viele nutzen die Abhängigkeit ihrer Schülerinnen aus. Dass diese dann infiziert werden, ist nicht selten. Überhaupt sind Frauen in afrikanischen Gesellschaften stärker von Aids bedroht, weil sie sich in der sozial schwächeren und abhängigen Position befinden und oft der Gewalt ausgesetzt sind. Ehefrauen werden vielfach durch ihre sexuell außerehelich aktiven Männer angesteckt. Für HIV-positive Frauen ist das Leben doppelt schwer. Aus Verantwortungsgefühl für die Familie stellen sie sich selber in die zweite Reihe, hinter Mann und Kinder. Der Krankheit ist mit heutiger Medizin bisher nicht beizukommen. Viele Teilnehmer der 15. Internationalen Welt-Aidskonferenz im Juli 2004 in Bangkok fühlten sich von Ugandas Präsident Museveni brüskiert. Er sieht im Kampf gegen Aids nämlich nicht Kondome als die Lösung an, sondern propagiert einen moralischen Ansatz, der zuerst die Enthaltsamkeit und die Treue zum Partner zum Ziel hat. Er verwies darauf, dass die Infektionsrate in Uganda von 30 Prozent zu Beginn der 90er Jahre auf sechs Prozent jährlich gesunken sei. Ein Umdenken im Verhalten und Aufklärung haben sich viele Organisationen in ihrem Kampf gegen Aids zum Ziel gesetzt, so auch die katholische Organisation "Youth Alive", die vorwiegend in ostafrikanischen Ländern aktiv ist. Mit Werbetafeln an Straßen und Hauswänden versuchen Regierungen die Probleme ins Bewusstsein zu rufen. Doch vielfach sind die Leute nicht einmal des Lesens mächtig, und die Botschaft geht völlig an ihnen vorbei. "Die größte Armut der Menschen hier ist ihre Unwissenheit", sagt Schwester Isabella, "Aids wird von aller Welt diskutiert, aber privat untereinander sprechen die Menschen hier in Tengowamtenga kaum darüber. Aids haben immer nur andere!" Medienberichte machten 2002 die Prozesse gegen die Pharmakonzerne bekannt, die auf ihre Patentrechte beharrten und ihre teuren Medikamente nicht preisgünstiger herstellen lassen wollten. Inzwischen haben viele dieser Konzerne ihre Preise gesenkt. Einige haben sogar ihre Medizin frei zur Verfügung gestellt. Doch bleibt nach wie vor der größere Teil der von HIV betroffenen Menschen ohne Zugang zu den nötigen Arzneimitteln. Traditionelle Heiler bekommen damit wieder mehr Zulauf, kein Wunder, wenn die Menschen in ihrer Not praktisch auf sich selbst gestellt bleiben. Das wird auch so weitergehen, solange nur an den Symptomen von Aids herumgedoktert werden kann. Pater Hans B Schering M.Afr. Januar 2005 |
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