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Afrikamissionare - Weisse Väter
Ludwigsburger Str. 21
50739 Köln
In Kontinente 6/2005

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Die Bank der Armen

"Hilfe zur Selbsthilfe" ist das große Schlagwort der staatlichen und nichtstaatlichen Entwicklungshilfe. Aber brauchen Menschen anderer Länder immer Hilfe von außen? Das Beispiel der Credit Union in vielen Ländern Afrikas zeigt, wenn Arme ihr kleines Kapital zusammenlegen, können sie sehr wohl in eigener Regie ihre Projekte bestimmen und finanzieren.

George Tenga war verzweifelt. Der Katechist der kleinen Kirchengemeinde von Sabuli hatte seine ganzen Lebensersparnisse verloren. Zehn Pfund hatte er zurückgelegt, damals - 1955 - eine Menge Geld. Viele Jahre hatte er monatelang im Süden Ghanas in den Kakaoplantagen gearbeitet. Wenn es in der Savanne im Norden Ghanas in der Trockenzeit keine Arbeit gab, hatte George sich auf der Suche nach Arbeit auf den langen und beschwerlichen Weg in den Süden begeben. Penny um Penny war sein kleines Vermögen durch harte Arbeit gewachsen. Was George sich absparte, tauschte er nach und nach gegen einen Geldschein ein. Die Scheine hob er in einer Players Zigarettendose aus Blech auf, Als er Katechist geworden war, hatte er die Dose mit dem Geld an einem sicheren Ort unter dem Fußboden seines Hauses vergraben. Nach einigen Jahren hätte er etwas Geld gebraucht. Das Fahrrad musste repariert werden und eine neue Hacke für die Feldarbeit war dringend nötig. Also beschloss der Katechist, auf seine Rücklagen zurückzugreifen.
Die Blechdose mit dem gut verschlossenen Deckel sah nicht mehr so aus wie damals, als George sie vergraben hatte. Die dunkelblaue Farbe war einem bräunlichen Rot gewichen, und an einigen Stellen war die Dose sogar durchgerostet. Doch traurig wurde der Katechist erst, als er die Dose öffnete und nur noch Papierkrümel fand. Sein Geld war weg. Die Termiten hatten sich darüber hergemacht und die Geldscheine fast gänzlich aufgefressen.

Die Rückkehr der Lebensersparnisse

Pater John McNulty, ein schottischer Afrikamissionar, kam einen Tag nach der traurigen Entdeckung von der Hauptmission Jirapa zu einem Besuch auf die Außenstation Sabuli. Er bemerkte, dass der Katechist Kummer hatte und erkundigte sich nach dem Grund.
Stockend berichtete der Mann, was mit seinem er sparten Geld geschehen war. Der Pater sah sich die Überreste der teuren Termitenmahlzeit an. Einige Anzeichen, dass es sich einst um Pfundnoten gehandelt hatte, waren noch zu erkennen. Er bat den Katechist um die Überbleibsel, nahm sie mit und schrieb an einen Bankmanager in Accra. Der verlangte, die Geldscheinreste zu sehen, und es dauerte nur wenige Wochen, bis Pater McNulty ein Schreiben mit zehn druckfrischen Pfundnoten erhielt. Die Freude von George Tenga ist unschwer zu begreifen, als er den Ersatz für seine Lebensersparnisse ausgehändigt bekam.

Das erste Konto mit zehn Cents

Ein Verlust, wie er den Katechisten getroffen hatte, war in den 50er-Jahren in Ghanas Norden kein Einzelfall. Viele Menschen vergruben hart erarbeitetes Papiergeld. Eine Sparkasse oder Bank war unbekannt. Es gab sie eigentlich nur in den großen Städten. Pater John McNulty diskutierte mit seinen Mitbrüdern, was getan werden könne, um den Leuten zu helfen. Kanadische Mitbrüder kannten aus ihren Heimatpfarreien die "Credit Unions". Die waren nach dem System der Deutschen Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Raiffeisen als kooperative Volksbanken geschaffen worden, die sich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als sehr nützlich für die ländliche Bevölkerung erwiesen hatten. Die erste "Caisse populaire" hatte Alphonse Desjardins um 1900 im kanadischen Quebec eröffnet und mit einer Einzahlung von 10 Cents das erste Konto eröffnet. Während der wirtschaftlichen Depression in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatten die "Caisse populaire" sich als außergewöhnlich hilfreiche Einrichtung für die örtliche Bevölkerung erwiesen.
Eine solche Institution war hier vonnöten. Das ergaben die Diskussionen der Missionare, die bei ihren Überlegungen auch bald leitende Mitglieder der Pfarrei und der Außenstationen einbezogen hatten. Ein Sparinstitut war erforderlich ' bei dem- die Menschen für hart verdientes Geld einzahlen konnten. Das gemeinsame Vermögen sollte arbeiten, nützlich angelegt werden und Zinsen bringen. Ein Teil musste zur Absicherung der Einlagen bei den Banken in der Hauptstadt angelegt werden, der Rest sollte in Form von Kleinkrediten bei der wirtschaftlichen Entwicklung mithelfen,

Monatliche Generalversammlungen

Die Pläne und Vorbereitungen regten die Fantasie der Menschen an. Immer lauter und drängender wurde die Frage; "Wann werden wir mit der Credit Union anfangen?'.'. Endlich, 1955, war es soweit. Die erste Credit Union auf dem afrikanischen Kontinent wurde in Jirapa, einer Missionsstation im nördlichen Savannengürtel Ghanas, der damaligen Goldküste, eröffnet. Nach einem Monat hatte sie bereits 70 Mitglieder und eine, Kapitaleinlage von 38 Britischen Pfund. Sechs Jahre später war die Zahl der Teilhaber, auf 500 gewachsen, das Gesamtkapital der Credit Union betrug 7000 Pfund.
Anfangs gab es beinahe monatlich eine Generalversammlung, weil die Mitglieder mit dem System und den Prinzipien der Credit Union vertraut gemacht werden mussten. Die Beteiligten erkannten schnell die Bedeutung der Abstimmungen und Wahlen und lernten, Wie jeder auch von seinem Recht der Intervention oder Beschwerde Gebrauch machen konnte; Die Menschen dachten mit und machten Vorschläge.
Der erste Kredit wurde bewilligt, das erste Geld investiert. Auf den Vorschlag von Theresia Ponaa wurde der Kredit für eine mit Dieselmotor betriebene Getreidemühle vergeben. Theresia wusste, eine der mühsamsten täglichen Arbeiten der Frauen war das Mahlen mit der Handmühle aus Steinen und das Stampfen des Getreides für, die täglichen Mahlzeiten. Eine mechanische Mühle war eine gute Investition und erleichterte von nun an vielen Frauen die Arbeit. Nach nur zwei Jahren hatte die Mühle soviel Profit abgeworfen, dass der Kredit abgezahlt war; Die Errichtung eines Co-op-Geschäftes folgte bald. Wachsender Lebensstandard in und um Jirapa war das Resultat der gut funktionierenden Credit Union.

Mund-zu-Mund-Propaganda

Pater McNulty beschaffte von einer katholischen Laienorganisation, den kanadischen "Knights of Columbus", ein Stipendium für Peter Porekuu Dery, einen jungen einheimischen Priester. Der studierte zwei Jahre lang in der Stadt Antigonish im kanadischen Nova Scotia die Geheimnisse von Sparen und Kleinkrediten. Kaum war er zurück, warb er mit seinem neuen Wissen überall für die Errichtung von Credit Unions und Kooperativen. Die Menschen waren jetzt nicht mehr darauf angewiesen, auf Hilfe von außen zu warten) sie konnten sich gemeinsam selber helfend Es brauchte auch niemand mehr sein Geld zu vergraben. Mund-zu-Mund-Propaganda hatte von Beginn an die Erfolge der Jirapa Credit Union verbreitet. In den katholischen Pfarrgemeinden waren, glühende Anhänger dieser Institution zu finden. Auf jeder Missionsstation gab, es bald eine ähnliche Einrichtung. Nachdem Peter Porekuu Dery Bischof von Wa geworden war, gelang es ihm, sich der Mithilfe von Misereor und später des niederländischen Raiffeisenverbandes zu versichern. Der junge Bischof hatte erkannt, dass das System bald an seine Grenzen stoßen würde, wenn nicht eine solide Ausbildung sicher gestellt werden konnte. Ein Ausbildungsprogramm wurde also auf den Weg gebracht. Der kanadische Afrikamissionar Marcellin Levesque übernahm die Leitung, Freiwillige des US-Peace-Corps halfen bei der Weiterbildung der Mitglieder. Ein Theaterstück mit dem Titel "Die Geschichte der Jirapa Credit Union" erwies sich als ein wichtiges Werbemittel, um die Menschen für diese Idee zu begeistern.

Von Ghana über ganz Afrika

Die Bewegung blieb nicht auf Ghanas Norden beschränkt, sie verbreitete sich in Windeseile auch über die Grenzen hinweg in andere Länder und über den afrikanischen Kontinent bis nach Ostafrika. Ein Mill Hill-Missionar hatte einen Artikel von Pater McNulty gelesen. Er war begeistert, und bald gründete er in Ostafrika die erste Credit Union. Heute gibt es ähnliche Einrichtungen in vielen afrikanischen Ländern, beispielsweise auch in Mauritius, Lesotho oder Kamerun, und erst in diesen Tagen ist in Ouagadougou eine weitere "Cooperative d'Epargne et de Credit" eröffnet worden.
In allen Ländern, in denen sie vertreten ist, hat die Organisation inzwischen nationale Netzwerke errichtet. In Ghana bestehen heute 261 örtliche Einrichtungen der Credit Union mit 164 863 Mitgliedern. Spareinlagen im Gesamtwert von 30 Millionen Euro werden verwaltet und fast 25 Millionen Euro sind als Kleinkredite vergeben worden.

Selbstverantwortung stärken

Es gab auch Rückschläge. Die rapide Inflation machte vernünftiges Sparen und die Vergabe von Kleinkrediten in den 70er- und 80er-Jahren schwer. Überall dort, wo die demokratischen Prinzipien der Einrichtung unterlaufen oder das Vertrauen der Sparer missbraucht wurde, zogen Mitglieder sehr schnell ihre Spareinlagen zurück. In den 80er-Jahren hatten einige muslimische Händler in Wa vergeblich versucht, größere Kredite zu erhalten. Erst als sie den örtlichen Leiter der Credit Union durch Schmiergelder in ihre Pläne verwickelten, gelang es ihnen, ans große Geld zu kommen. Doch die illegal vergebenen Kredite und die schlechte Rückzahlungsmoral überstiegen die Kraft der örtlichen Union und sie brach zusammen. In den meisten Fällen schauten die Mitglieder den Verantwortlichen allerdings genau auf die Finger und das System hat sich bewährt.
Misereor, das Hilfswerk der deutschen Katholiken, sieht im Zugang zu Finanzdienstleistungen für Arme eine bedeutsame Strategie der Armutsbekämpfung. Den Armen sind sichere Sparangebote und der Zugang zu flexiblen, unbürokratischen Krediten wichtig. Nicht die Hilfe durch Kredite von außen, sondern die interne, lokale Kapitalgenerierung soll darum gefördert werden. Sie stärkt Selbsthilfe und Selbstverantwortung und ist laut Misereor ein wichtiger Wachstumsfaktor.

Hans B. Schering M.Afr. November 2005

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