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Die Bank der Armen |
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"Hilfe zur Selbsthilfe" ist das große Schlagwort der staatlichen und nichtstaatlichen Entwicklungshilfe. Aber brauchen Menschen anderer Länder immer Hilfe von außen? Das Beispiel der Credit Union in vielen Ländern Afrikas zeigt, wenn Arme ihr kleines Kapital zusammenlegen, können sie sehr wohl in eigener Regie ihre Projekte bestimmen und finanzieren. |
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George Tenga war verzweifelt. Der Katechist der kleinen Kirchengemeinde von Sabuli hatte seine ganzen Lebensersparnisse verloren. Zehn Pfund hatte er zurückgelegt, damals - 1955 - eine Menge Geld. Viele Jahre hatte er monatelang im Süden Ghanas in den Kakaoplantagen gearbeitet. Wenn es in der Savanne im Norden Ghanas in der Trockenzeit keine Arbeit gab, hatte George sich auf der Suche nach Arbeit auf den langen und beschwerlichen Weg in den Süden begeben. Penny um Penny war sein kleines Vermögen durch harte Arbeit gewachsen. Was George sich absparte, tauschte er nach und nach gegen einen Geldschein ein. Die Scheine hob er in einer Players Zigarettendose aus Blech auf, Als er Katechist geworden war, hatte er die Dose mit dem Geld an einem sicheren Ort unter dem Fußboden seines Hauses vergraben. Nach einigen Jahren hätte er etwas Geld gebraucht. Das Fahrrad musste repariert werden und eine neue Hacke für die Feldarbeit war dringend nötig. Also beschloss der Katechist, auf seine Rücklagen zurückzugreifen. Die Blechdose mit dem gut verschlossenen Deckel sah nicht mehr so aus wie damals, als George sie vergraben hatte. Die dunkelblaue Farbe war einem bräunlichen Rot gewichen, und an einigen Stellen war die Dose sogar durchgerostet. Doch traurig wurde der Katechist erst, als er die Dose öffnete und nur noch Papierkrümel fand. Sein Geld war weg. Die Termiten hatten sich darüber hergemacht und die Geldscheine fast gänzlich aufgefressen. Die Rückkehr der Lebensersparnisse Pater John McNulty, ein schottischer Afrikamissionar, kam
einen Tag nach der traurigen Entdeckung von der Hauptmission Jirapa zu einem Besuch auf
die Außenstation Sabuli. Er bemerkte, dass der Katechist Kummer hatte und erkundigte sich
nach dem Grund. Das erste Konto mit zehn Cents Ein Verlust, wie er den Katechisten getroffen hatte, war in
den 50er-Jahren in Ghanas Norden kein Einzelfall. Viele Menschen vergruben hart
erarbeitetes Papiergeld. Eine Sparkasse oder Bank war unbekannt. Es gab sie eigentlich nur
in den großen Städten. Pater John McNulty diskutierte mit seinen Mitbrüdern, was getan
werden könne, um den Leuten zu helfen. Kanadische Mitbrüder kannten aus ihren
Heimatpfarreien die "Credit Unions". Die waren nach dem System der Deutschen
Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Raiffeisen als kooperative Volksbanken geschaffen
worden, die sich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als sehr nützlich für
die ländliche Bevölkerung erwiesen hatten. Die erste "Caisse populaire" hatte
Alphonse Desjardins um 1900 im kanadischen Quebec eröffnet und mit einer Einzahlung von
10 Cents das erste Konto eröffnet. Während der wirtschaftlichen Depression in den
30er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatten die "Caisse populaire" sich als
außergewöhnlich hilfreiche Einrichtung für die örtliche Bevölkerung erwiesen. Monatliche Generalversammlungen Die Pläne und Vorbereitungen regten die Fantasie der
Menschen an. Immer lauter und drängender wurde die Frage; "Wann werden wir mit der
Credit Union anfangen?'.'. Endlich, 1955, war es soweit. Die erste Credit Union auf dem
afrikanischen Kontinent wurde in Jirapa, einer Missionsstation im nördlichen
Savannengürtel Ghanas, der damaligen Goldküste, eröffnet. Nach einem Monat hatte sie
bereits 70 Mitglieder und eine, Kapitaleinlage von 38 Britischen Pfund. Sechs Jahre
später war die Zahl der Teilhaber, auf 500 gewachsen, das Gesamtkapital der Credit Union
betrug 7000 Pfund. Mund-zu-Mund-Propaganda Pater McNulty beschaffte von einer katholischen Laienorganisation, den kanadischen "Knights of Columbus", ein Stipendium für Peter Porekuu Dery, einen jungen einheimischen Priester. Der studierte zwei Jahre lang in der Stadt Antigonish im kanadischen Nova Scotia die Geheimnisse von Sparen und Kleinkrediten. Kaum war er zurück, warb er mit seinem neuen Wissen überall für die Errichtung von Credit Unions und Kooperativen. Die Menschen waren jetzt nicht mehr darauf angewiesen, auf Hilfe von außen zu warten) sie konnten sich gemeinsam selber helfend Es brauchte auch niemand mehr sein Geld zu vergraben. Mund-zu-Mund-Propaganda hatte von Beginn an die Erfolge der Jirapa Credit Union verbreitet. In den katholischen Pfarrgemeinden waren, glühende Anhänger dieser Institution zu finden. Auf jeder Missionsstation gab, es bald eine ähnliche Einrichtung. Nachdem Peter Porekuu Dery Bischof von Wa geworden war, gelang es ihm, sich der Mithilfe von Misereor und später des niederländischen Raiffeisenverbandes zu versichern. Der junge Bischof hatte erkannt, dass das System bald an seine Grenzen stoßen würde, wenn nicht eine solide Ausbildung sicher gestellt werden konnte. Ein Ausbildungsprogramm wurde also auf den Weg gebracht. Der kanadische Afrikamissionar Marcellin Levesque übernahm die Leitung, Freiwillige des US-Peace-Corps halfen bei der Weiterbildung der Mitglieder. Ein Theaterstück mit dem Titel "Die Geschichte der Jirapa Credit Union" erwies sich als ein wichtiges Werbemittel, um die Menschen für diese Idee zu begeistern. Von Ghana über ganz Afrika Die Bewegung blieb nicht auf Ghanas Norden beschränkt, sie
verbreitete sich in Windeseile auch über die Grenzen hinweg in andere Länder und über
den afrikanischen Kontinent bis nach Ostafrika. Ein Mill Hill-Missionar hatte einen
Artikel von Pater McNulty gelesen. Er war begeistert, und bald gründete er in Ostafrika
die erste Credit Union. Heute gibt es ähnliche Einrichtungen in vielen afrikanischen
Ländern, beispielsweise auch in Mauritius, Lesotho oder Kamerun, und erst in diesen Tagen
ist in Ouagadougou eine weitere "Cooperative d'Epargne et de Credit" eröffnet
worden. Selbstverantwortung stärken Es gab auch Rückschläge. Die rapide Inflation machte
vernünftiges Sparen und die Vergabe von Kleinkrediten in den 70er- und 80er-Jahren
schwer. Überall dort, wo die demokratischen Prinzipien der Einrichtung unterlaufen oder
das Vertrauen der Sparer missbraucht wurde, zogen Mitglieder sehr schnell ihre
Spareinlagen zurück. In den 80er-Jahren hatten einige muslimische Händler in Wa
vergeblich versucht, größere Kredite zu erhalten. Erst als sie den örtlichen Leiter der
Credit Union durch Schmiergelder in ihre Pläne verwickelten, gelang es ihnen, ans große
Geld zu kommen. Doch die illegal vergebenen Kredite und die schlechte Rückzahlungsmoral
überstiegen die Kraft der örtlichen Union und sie brach zusammen. In den meisten Fällen
schauten die Mitglieder den Verantwortlichen allerdings genau auf die Finger und das
System hat sich bewährt. Hans B. Schering M.Afr. November 2005 |
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