![]() |
Afrikamissionare - Weisse Väter Ludwigsburger Str. 21 50739 Köln |
| In Kontinente 2/2004 | home |
| [zurück zu Beiträge] [zurück zu "Aktuelle Nachrichten"] | |
Wo der Tod zum Leben gehört |
Um Verstorbene trauern und Tote würdig beisetzen ist im westafrikanischen Ghana wichtig, damit das Leben weitergehen kann. Für die Hinterbliebenen bedeutet die Anteilnahme der Trauernden Trost und bezeugt Solidarität. Dem Toten wird noch einmal Wertschätzung und Ehre erwiesen. Das hilft den Lebenden, Abschied zu nehmen und ihren Weg weiterzugehen. |
Der Samstag ist im Süden Ghanas der Tag der Beerdigungen. In Städten und Dörfern immer wieder das gleiche Bild: Menschen in teurer schwarzer, schwarzroter oder schwarzbrauner Beerdigungskleidung sind unterwegs, um irgendwo auf einem großen Platz an einer offiziellen Trauerfeier teilzunehmen. Über Radio, Fernsehen, durch Plakate und Briefe und heue sogar durch das Internet werden die Leute vom Tod eines Menschen informiert. Keine Familie möchte sich sagen lassen, sie hätte nicht genug getan, um ihre Verstorbenen ehrenvoll beizusetzen. Es geht eben nicht allein um die Würdigung des Toten, sondern auch um die Ehre der Familie. Möglichst jede Person, die in irgendeiner Beziehung zum Toten gestanden hat, wird über sein Ableben und die Beisetzung informiert. Noch wichtiger ist, den Mitgliedern der Großfamilie eine Chance zu geben, bei der Beerdigung und Trauerfeier anwesend zu sein. Eine Beerdigung im Süden Ghanas verlangt viel Planung und Organisation und ist darum heute für spezialisierte Unternehmen ein großes Geschäft. Die Familie, besonders wenn sie wohlhabend und einflussreich ist, schiebt die eigentliche Beisetzung manchmal um Wochen hinaus, bis sie alle Vorbereitungen getroffen hat. Der Tote wartet derweil im Kühlhaus. Ein passender, würdiger Sarg ist zu besorgen, in machen Fällen selbst ein ganzes Trauerzimmer für die Aufbahrung des Toten in der Nacht vor der Beerdigung. Dort halten die Angehörigen die so genannte Totenwache. Eine Nacht lang klagen und trauern sie, an Alkohol fehlt es dabei nicht eine stressige Angelegenheit besonders für die engsten Familienmitglieder. Der öffentliche Teil der Trauerfeier findet auf einem großen freien Platz statt. Die Gäste sitzen unter einem Sonnenschutz und hören sich die Lobreden auf den Toten an. Bestellte Vorbeter laden die Versammelten immer wieder zum Gebet ein. Eine Musikkapelle begleitet die Trauerfeier in der Regel mit traditioneller Musik. Nicht selten ist auch eine High-Life-Band da, die moderne ghanaische Popmusik spielt. Oft heuert die Familie zusätzlich eine Tanzgruppe an. Von Bedeutung ist schließlich auch, dass mehr als genug Essen und Trinken für alle Teilnehmer da ist. All das ist teuer, kann einige tausend Euro kosten. Es ist keine Schande, dafür einen Kredit aufzunehmen und damit diese unumgängliche öffentliche Veranstaltung zu bezahlen. Die Beiträge der Trauergäste sollen helfen, die Kosten zu tragen, decken jedoch die Ausgaben nur selten. Vielfach gibt es um die Bezahlung später Streit zwischen den Familienmitgliedern. Ein großer Posten auf der Rechnung ist der Sarg. Vor einigen Jahren war jemand auf die Idee gekommen, sich in einem Sarg in der Form einer Mercedeslimousine beerdigen zu lassen. Findige Sargschreiner in Teshie, einem Vorort von Accra, haben sich damals schnell auf exotische Sargformen spezialisiert und bieten eine große Auswahl. Für den Hühnerzüchter gibt es den Sarg in der Form von Hahn oder Huhn, für den Gelehrten bietet sich ein als Buch gestalteter Sarg an, für den Soldaten sogar einer in Form einer Kanone. Für den Fischer wäre der Sarg in Fischform passend, und der Sportler kann sich in einem riesigen Rennschuh beisetzen lassen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. 400 bis 500 Euro kostet so ein Sarg und ist damit nichts für arme Leute. Doch auch reiche Leute bevorzugen immer noch traditionelle Modelle. Darum wird in den Schreinereien weiterhin meist der ganz normale Sarg hergestellt. Europäer und Amerikaner kaufen gern die exotischen Sarg-Gebilde. Sie enden später irgendwo in einem Museum für Kunsthandwerk oder in der speziellen Ausstellung eines Sammlers. Jimmy Carter, der ehemalige Präsident der USA, soll sich drei dieser Särge in Teshie gekauft haben. Jahrelang erweckten europäische Illustrierte mit Bildern dieser Särge und Artikeln den Eindruck, als sei Tod und Trauer in Ghana zu einer Spaßveranstaltung verkommen. Der Tod ist eine sehr ernste Angelegenheit im Leben einer Großfamilie, er reißt eine Lücke in das soziale Beziehungsgeflecht der Menschen. Die Trauerfeier stärkt die Familienbande und betont den Zusammenhalt in der Gemeinschaft. Oft sieht es aus, als würde dabei für die Toten mehr Geld ausgegeben, ihnen mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als sie zu Lebzeiten je hatten. Doch letztlich sind das Zuwendungen für die Lebenden. Jede Ethnie hat ihre eigene Art, Beerdigungen zu begehen, Trauer auszudrücken, den Hinterbliebenen Beileid und Beistand zu versichern. Bei den Stämmen des Nordens ist das Verabschieden eines Toten und die Zusammenkunft mit der betroffenen Familie und Dorfgemeinschaft so bedeutsam wie im Süden. Wegen der Hitze werden Verstorbene normalerweise noch am gleichen Tag beigesetzt. Wird der Tod eines Menschen durch einen Boten verkündet, lässt im Allgemeinen jeder, der nur irgendwie kann, seine Arbeit ruhen. Auf dem Fahrrad und auf Lastwagen treffen Menschen an dem Ort ein, wo der Tote aufgebahrt ist. Sie nehmen die letzte Gelegenheit wahr, mit dem Toten zu sprechen. Die Dagaabas setzen ihre Verstorbenen in der besten Kleidung für alle sichtbar auf eine Palla, eine erhöhte Plattform. Drumherum stellen sie weitere kostbare Kleidungstücke des Toten aus, bei Frauen ihre Tücher und manchmal ihre metallenen Töpfe. Die Trauernden machen mit lauten Schreien ihren Schmerz und ihre Anteilnahme deutlich. Stand jemand der verstorbenen Person besonders nahe, dann bewacht ihn ein Freund. Er nimmt ihn an die Hand, ja fesselt ihn manchmal vorsorglich an sich, damit er nicht unbeobachtet fortrennt und sich in der Trauer ein Leid antut. Immer wieder schreitet und tanzt die Menge um die Palla, wirft dem Toten Geld zu, für das manchmal später beim Pfarrer Messen bestellt werden. Trommeln werden geschlagen, Xylophone spielen, hin und wieder singt jemand ein Loblied auf den Toten. Alle zusammen helfen sie dem Verstorbenen auf seinem Weg in eine andere Welt. Die Familie hat in aller Eile Essen zubereitet und das Hirsebier in der ganzen Umgebung aufgekauft. Die Gäste sollen mit dem Gefühl heimgehen, dass die Familie ihr Erscheinen gewürdigt und die Betroffenen ihren Beistand geschätzt haben. Wer aus der Großfamilie nicht an dem Tag dabeisein kann, ist verpflichtet, seine Trauer später laut und für alle vernehmlich nachzuholen, wenn er wieder in seinen Heimatort kommt, sonst ist der soziale Friede gefährdet. Manchmal hilft der Tod, Probleme zu überwinden, die im Leben eines Menschen unüberwindlich schienen. Bei der Beerdigung Bischof Robert Akanlus in Navrongo nahmen Tausende an der Trauerfeier teil. Delegationen aus allen Pfarreien waren da. Dabei hat sich die ethnisch zwischen Kasena und Frafra geteilte Diözese zu Lebzeiten des Bischofs an seiner Person gespalten. Die eine Seite machte ihm zum Vorwurf, dass er nicht zu ihrem Volk gehörte, die eigenen Leute beschuldigten ihn, sich zu sehr um "die Anderen" zu kümmern. Jetzt waren sie alle da: die Bischöfe des ganzen Landes, die Würdenträger und aus seinem Bistum die Gläubigen verschiedenster Stammeszugehörigkeiten. Männer in voller Kriegsbewaffnung zeigten mit ihrem Tanz, was für ein großer Kämpfer der Bischof letztlich gewesen war. Eine Gruppe Priester aus den verschiedenen Stämmen trug seinen Sarg zur Beisetzung in die alte Kathedrale. Der bescheidene Bischof wird darüber geschmunzelt haben, dass über seinen Tod und seine Beerdigung etwas von der Einheit unter seinen Christen hergestellt war, wie er sie in seinem Leben gern gesehen hätte. Pater Hans B. Schering, in Kontinente, März/April 2004 |
| [zurück zu Beiträge] [zurück zu "Aktuelle Nachrichten"] |
home |