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Afrikamissionare - Weisse Väter
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50739 Köln
In Kontinente 1/2005

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Blumen für Anastasias Grab

Der Afrikamissionar Pater Ludwig Peschen ist Arzt und Aids-Experte. Er schildert in seinem Bericht zwei Gottesdienste, die er in einem Heim für Aids-Waisen in Kenia erlebt hat.

Palmsonntag 2003. Im Zentrum Nyumbani am Stadtrand von Nairobi ist Bernard heute Messdiener. Bernard ist eines von 93 Waisenkindern in Nyumbani, die HIV positiv oder schon an Aids erkrankt sind. Heute darf er die Palmzweige verteilen. Palmweihe und Palmprozession sind etwas Besonderes, das Hosanna liegt förmlich in der Luft. Die älteren Mädchen haben sich beim Einzug der Messfeier zum Tanz in Bewegung gesetzt, beschwingt, fröhlich, fast schunkelnd. In der Messfeier beeindrucken die Fürbitten: Auch die Allerkleinsten, die kaum im Kindergartenalter sind, warten geduldig, bis ihnen das Mikrofon gereicht wird. Dann wird für den kranken Spielkameraden gebetet oder für "Sista", die indische Ordensfrau. Sie hört mäuschenstill zu, wie die anderen Gottesdienstbesucher, und betet mit.

Das betende Gemisch von Kiswahili und Englisch ist nicht immer zu verstehen, aber das ist nicht so wichtig, dem Herrgott ist nichts verborgen geblieben. Irgendwann bei der Messe fängt ein Kind spontan und ohne irgendeine Aufforderung an, seinen kleinen Palmzweig zu einem Kreuz zu flechten. Fast mehr wie ein Spiel.

Und dann machen alle anderen es ihm nach. Als wenn die Kinder genau verstanden hätten, worum es am Palmsonntag geht: keine Zeit mehr für einen langen Übergang, fließend vom Hosannajubel hin zum Kreuz. Die kleinen Akteure sind, wie zu Jesu Zeiten, ohnehin dieselben, vorher und nachher. Nach der Messfeier kommen alle stolz zum provisorischen Altar, um IHR Kreuz abzuliefern.

Aber so leicht lässt sich das Kreuz nicht abliefern. Gleich hinter dem Vielzweckraum, in dem wir die Messe feiern, ist der kleine Friedhof angelegt. Die Namen der früheren Lebens- und Spielkameraden sind auf kleinen weißen Holzkreuzen festgehalten und somit immer nahe. Die Waisenkinder, selbst häufig schon von der Krankheit gezeichnet und ihrer auch mehr oder weniger bewusst, werden nicht verschont. Todesnähe begleitet sie auf Schritt und Tritt. Trotzdem scheint Nyumbani eine kleine Friedensinsel zu sein. Von Traurigkeit keine Spur. Kindgemäß geht es gleich nach der Messe mit einem schon sehr abgewetzten Fußball weiter, heute mit besonderem Eifer, auch um die sonntäglichen Besucher zu beeindrucken. Beim Sport ist kein Unterschied festzustellen zu Kindern, die von der Krankheit nicht gezeichnet wären.

Das Kreuz ist immer in der Nähe. Über 60 der 93 Kinder bekommen tagtäglich ihre Antiretrovirals, die Kombinationstherapie von meist drei Medikamenten gegen Aids. Ein in Kenia nach wie vor teures Unternehmen, das für Kinder nicht billiger ist als für Erwachsene. Das Zentrum bezahlt durchschnittlich 50 US-Dollar pro Kind im Monat. Den meisten geht es recht gut damit, sie leben und blühen auf, können zur Schule gehen und kommen sogar mit den besten Noten nach Hause. Nach Hause, denn der Name des Zentrums Nyumbani bedeutet in Kiswahili tatsächlich "zu Hause".

Der amerikanische Jesuitenpater Angelo D’Agostino ist Priester und Arzt. Er ist der Gründer des Zentrums und sich seiner Vorreiterrolle durchaus bewusst. Den Stil eines Waisenhauses wollte er vermeiden, als er Nyumbani aufbaute. Also sollten die Kinder in familienähnlichen Strukturen im Zentrum leben, jeweils acht oder neun zusammen. Es war schwierig, Mütter als ständige Bezugspersonen zu finden, viele Kandidatinnen hatten ihre eigenen Familien. Eine Lösung gab es, indem man jeweils zwei Mütter für die "Familien" fand, die einmal drei Tage, einmal vier Tage zuständig sind. So haben vor allem die kleineren Kinder feste Bezugspersonen.

"Ich tue, was ich kann, und wenn es nur für 93 Kinder ist. Und die Kinder sollen es gut haben in Nyumbani", sagt der fast 80-jährige Jesuit. Der energische Kampf um den Zugang zu Aids-Medikamenten hat ihn nicht nur in Kenia bekannt gemacht. Das hat ihm nicht nur Freunde geschaffen. Die politische Dimension seiner Missionarsarbeit ist ihm bewusst. Im Februar war er im Vatikan, dort hat er die Aids-Sorgen seiner Waisenkinder vortragen dürfen. Nyumbani ziert seitdem eine 45-Cent-Vatikan-Briefmarke.

Am 18. Juni 2004 ist ein trauriger Tag für das Zentrum. Seit Anfang 2002 war keiner der jungen Bewohner von Nyumbani mehr gestorben, ungefähr seit der Zeit, als man mit der Dreifachtherapie angefangen hatte. Nun begegnen wir wiederum Bernard, der heute bei der Beerdigung das schlichte Grabkreuz für seine Schwester trägt. Anastasia Mueni Kitela ist im Alter von sieben Jahren gestorben. Sie war wie ihr Bruder Bernard von Geburt an mit dem HI-Virus infiziert.

Die große Anzahl der Beerdigungsteilnehmer ist beeindruckend, vor allem die der Kinder. Schulkameraden und andere Waisenkinder von Nyumbani sind da, es wird nichts schöngeredet, niemand macht sich etwas vor. Schweigende Betroffenheit und Trauer sind in den Gesichtern der Kinder zu sehen. In verschiedenen Grabreden wird Anastasia gewürdigt. Sie war ein überaus lernbegieriges und aufgewecktes Mädchen, die Zweitbeste in ihrer Klasse.

Auch Pater D’Agostino ist sichtlich betroffen. Er verspricht, sich noch mehr einzusetzen für Medikamente, damit auch anderen Kindern besser geholfen wird. Über dem schon ausgehobenen Grab geht der Blick zur nahen Hauptstadt Nairobi. So teure Medikamente, eine gute Pflege, beste Schulausbildung, aber was ist mit den anderen vielleicht 1,5 Millionen Aids-Waisenkindern in Kenia? Wer kümmert sich um die? Der unermüdliche Jesuit hat Recht: Lieber ein Licht anzünden, als über die Dunkelheit zu klagen. Tun, was wir tun können!

Dann wird gesungen und gebetet. Kaum jemand wird sonstwo je an einer so ehrlichen und gleichzeitig traurig-frohen Feier, an einer so schönen Beerdigung teilgenommen haben. Anastasia lebt. Der tiefe Glauben der afrikanischen Menschen um das Grab herum ist beeindruckend, vor allem der der Kinder. Kurz danach wird das Grab zugeschüttet, die anwesenden Männer reichen sich nach schnellem Einsatz die zwei vorhandenen Schaufeln weiter. Dann dürfen die anwesenden Kinder ihrer Trauer Ausdruck verleihen: Jedes steckt bedächtig eine Blume ins frische Grab. Bald wird es regelrecht aufblühen.

Zum Schluss, am gerade zugeschütteten Grab von Anastasia, bittet Bernard noch um etwas, das er sein "Familienfoto" nennt, also eins mit ihm und seinen noch lebenden Geschwistern. Und die bittere Frage tut sich auf: "Wer kommt dann wohl als nächster dran?"

Pater Ludwig Peschen M.Afr. Januar 2005

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