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Wurzeln der Angst |
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Als fremd und feindselig wird der Islam von vielen Menschen der westlichen Welt heute empfunden. Islamistischer Fundamentalismus und Terror verstärken in den vergangenen Jahren diesen Eindruck. Doch die Angst vor dem Islam ist älter. Sie macht sich immer dort breit, wo das Christentum schwächelt. |
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Nach Ansicht des Mailänder Kardinals Dionigi Tettamanzi hat das Christentum keinen Grund zur Angst gegenüber dem Islam. Doch es gibt diese Angst nicht erst seit dem 11. September 2001, als fundamentalistische Islamisten Flugzeuge entführen und sie in die Türme des World Trade Centres in New York und in das Pentagon in Washington steuern. Es gibt sie seit Jahrhunderten. Im elften Jahrhundert haben die Mönche des Katharinenklosters am Jebel Musa Angst. Ihr Kloster ist eine der ursprünglichen Stätten christlichen Mönchslebens. Sie wissen um den unschätzbaren Wert dieses Wüstenklosters für die Christenheit.Von Kairo aus droht der verrückte Kalif al Hakim mit der Zerstörung aller Kirchen und Synagogen in seinem Herrschaftsbereich. Dabei haben sich die Mönche seit Jahrhunderten bemüht, ein gutes Verhältnis zum Islam zu halten. Mohammed selbst soll ihnen seinerzeit den Schutzbrief geschrieben haben, der bis heute den Pilgern gezeigt wird. 625 sendet das Kloster sogar eine Delegation nach Medina, um die Gunst und den Schutz des Propheten zu gewinnen. Nun aber ist es eng geworden um St. Katharina, und die Stimmungslage der Einwohner in der Umgebung bedrohlich. Beduinen und andere Bewohner des Sinai rund um das alte Kloster beugen sich dem Druck der arabischen Eroberer und nehmen den islamischen Glauben an. Auch wenn das Mönchskloster mit seinen zwölf Meter hohen Außenmauern aussieht wie eine uneinnehmbare Festung, einer Belagerung würde es nie standhalten. Mit ihrer eiligen Aktion, gleich vor ihrer Klosterbasilika einen alten Schlafsaal in eine Moschee zu verwandeln, haben die Mönche Erfolg. Sie retten ihr Kloster. Ihre Angst vor dem islamischen Kalifen ist nicht unbegründet. Es muss wie ein Terroranschlag heutiger islamischer Fundamentalisten gewirkt haben, als er christliche Kirchen und jüdische Synagogen dem Erdboden gleich macht. Sogar die Grabeskirche in Jerusalem wird von den Horden des Kalifen verwüstet. Die Zerstörung der Grabeskirche gibt den Christen Europas den Anstoß zu den Kreuzzügen, die letztlich Wut und Angst voreinander nur noch anstacheln und über zwei Jahrhunderte zu immer neuen Kriegen führen. Vorher schon fegt der bewaffnete Islam über die Kirche Nordafrikas hinweg. Wo das Christentum schwächelt, stößt die neue Religion erfolgreich nach. Die ständigen Versuche der arabischen Eroberungsarmeen, auch den europäischen Kontinent gewaltsam zu "missionieren", hinterlassen ein Misstrauen, das nachwirkt. Die Araber erobern Teile Spaniens und unternehmen den Versuch, ihren religiösen Feldzug nach Norden über die Pyrenäen in das Reich der Franken zu tragen. Die Angst vor dem Islam in Europa erreicht einen Höhepunkt. 827 erobern die Sarazenen Sizilien. Europa wehrt sich erfolgreich. Noch heute ist der Einfluss des Islams in Spanien spürbar, auch wenn 1492 Granada, die letzte Bastion der Araber in Europa, von den Truppen des spanischen Königspaares Isabella und Ferdinand wiedererobert und von den Menschen bis zu den Gebäuden alles wieder christianisiert wird. Diese "reconquista" ist von manchen Muslimen bis heute nicht verwunden. Einigen ist es darum ganz wichtig, in Granada nun auf friedliche Weise wieder Fuß zu fassen. Auf weniger friedliche Weise will die fundamentalistische Terrororganisation Al-Kaida alte Ansprüche in Erinnerung rufen. Mit den fürchterlichen Anschlägen und sinnlosen Morden vom 11. März 2004 in Madrid schüren die Terroristen die Angst. Ihr Endziel ist nach eigener Aussage, die Vorherrschaft des Islams in der ganzen Welt zu etablieren. Die Eroberung des Balkans und die Versuche der Türken im 16. und 17. Jahrhundert, Wien zu erobern, gelten vielen Mitteleuropäern heute noch als Beweis der Unberechenbarkeit des Islams. Hinzu kommen Nachrichten aus allen Kontinenten: In verschiedenen asiatischen Ländern sorgen muslimische Extremisten ständig für neue Schlagzeilen. Der einst als tolerant bekannte Islam Westafrikas hat sich durch den Einfluss von in Saudi Arabien wahabitisch geschulten Predigern in den vergangenen 20 Jahren extrem verändert. Eine wegen Ehebruch zum Tode verurteilte Frau und brennende christliche Kirchen im Norden Nigerias sind nur Beispiele dessen, was uns vom dortigen Islam vermittelt wird. Zwar versichern uns gemäßigte Muslime andauernd, die Mehrheit der islamischen Gläubigen sei friedfertig und der Islam an sich sei eine Religion des Friedens. Europäer hören es gern, und doch fühlen sich mehr als die Hälfte von ihnen laut einer Umfrage bedroht. Denn auch jene religiösen Werte, die der friedliche Islam nach Europa importiert, stellen die Normen eines "modernen" Westens in Frage, der so viele christliche Wertvorstellungen ersatzlos aus seinem Bewusstsein gestrichen hat. Verunsichert werden zahlreiche Menschen überdies durch das Ausbleiben einer öffentlichen Distanzierung der "friedliebenden" Muslime von Gräueltaten wie den Anschlägen in USA und Madrid, den Bombenattentaten auf US-Botschaften in Kenia und Tansania, den Anschlägen auf Djerba und in Marokko. Sicherlich zu Recht wird von wohlmeinenden Europäern gefordert, nicht alle Muslime mit den radikalen Fundamentalisten und mit den terroristischen "Märtyrern" in einen Topf zu werfen. Das öffentliche Schweigen der Muslime verstärkt gleichwohl die undefinierbaren Ängste und führt schnell zu Vorwürfen gegen "die Anderen". Eine wirkliche Rückbesinnung auf eigene Werte ist bei Europäern bisher allerdings auch ausgeblieben. "Ich persönlich habe keine Angst vor dem Islam, warum sollte ich?" sagt Kardinal Tettamanzi in einem Interview. Tettamanzi sieht die Entwicklungen als einen langen historischen Prozess. In dessen Verlauf müssten die fundamentalistischen Kräfte innerhalb des Islams isoliert werden. Zum Christentum aber gehöre anders als beim Islam wesentlich das Element der "Schwäche". Es handele sich jedoch um eine Schwäche, die vor niemandem Angst habe und die aus einer inneren Stärke heraus zur Begegnung und zum Dialog mit allen in der Lage sei, zeigt sich der Kardinal überzeugt. Pater Hans B. Schering, in Kontinente 4/2004 |
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