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Afrikamissionare - Weisse Väter
Ludwigsburger Str. 21
50739 Köln
In Kontinente1/2004

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Sehnsucht nach Gemeinschaft

Afrikanische Kleinkirchen und unabhängige Gruppen machen den christlichen Großkirchen in Ländern südlich der Sahara Konkurrenz. Sie kommen ohne große hierarchische Strukturen und ohne schriftlich festgelegte Theologie aus. Geleitet von charismatisch veranlagten Personen, antworten sie oft auf die religiösen Not der Menschen, die sich neu in den Randgebieten der Städte ansiedeln.

An Hinweisschildern, die für alle möglichen Kirchen werben, ist den großen Städten Afrikas kein Mangel. Die Hinweise auf die Veranstaltungen sind oft größer als das Zelt oder der Raum in dem die besagte Kirchen zu Hause sind. Manche Gruppen treffen sich unter freiem Himmel oder am Meeresstrand, wie die "Wasserkirche". Sie nennen sich "Kirche der Wunder", "Kirche des intensiven Gebetes", "Heilungskirche" oder ähnlich. In Westafrika gibt es Tausende davon. Das sind nicht jene Kirchen, die sich heute als "African Independent Churches" etabliert haben und über eine kirchliche Struktur verfügen. Es sind meist kleine Einheiten und Gruppen. Sie entstehen und vergehen wieder oder setzen sich neu zusammen, wenn ein Einzelner oder eine Gruppe Gleichgesinnte um sich scharen. Wichtig für sie ist, dem religiösen Gefühl und ihrer Sehnsucht Ausdruck zu geben in Gebet und Gesang und Gemeinschaft. Eine feste Leitung oder ein geschriebenes Glaubensbekenntnis gibt es selten, es geht sehr "charismatisch" zu.

Meist kommen diese "Kirchen" bislang eher aus einem protestantischen Umfeld. Oft sind sie eine Antwort auf eine spezielle Situation oder Notlage der Menschen. Ihre Gottesdienste können sich über mehrere Tage hinziehen. Rhythmisches Klatschen, Trommeln und abwechselnder Gesang zwischen Vorsänger und Gemeinde beleben so an Wochenenden die Vororte der Städte und sind die ganze Nacht über zu hören. Je besser die Stimmung ist, desto lauter wird es nach einiger Zeit. Erst gegen Morgen lässt die Energie der Teilnehmer nach. "Am Vormittag schlafen die meisten einfach da ein, wo sie sind und liegen dann herum wie die Leichen", meint eine Nachbarin, die von ihrem Hoftor in einem Vorort von Accra einen direkten Blick auf ein Versammlungszelt hat. Das Zelt wurde dort vor zwei Wochen aufgebaut und es wird gerade wieder ein "Crusade" abgehalten, eine Veranstaltung, die mindestens drei Tage dauert. Die Teilnehmer bleiben die ganze Zeit über da, hören sich die feurigen Predigten des "Propheten", die Bibelauslegung des "Gemeindeleiters" oder Mitteilungen jener "Inspirierten Gläubigen" an, die sich gerade vom Geist bewegt fühlen. Mit einem "Halleluja" oder "Praise the Lord" unterbrechen die Zuhörer oft das Geschehen und die Redner. Ansonsten ist der Gottesdienst recht einfach: Ein paar Lesungen aus der Bibel, Predigten und immer wieder Gebete und rhythmisch begleitete Lieder.

Der Glaube an Gott, an Jesus, an den Heiligen Geist, an Engel und an böse Geister ist den Teilnehmern wohl gemeinsam. Allerdings nicht in sehr dogmatischer Form. In den Lesungen aus der Bibel berührt Gottes Wort die alltäglichen Nöte der Gläubigen. Die Menschen erwarten bei ihrer Suche nach Glück nur kleine Wunder: Etwas Heilung in Krankheit, Trost im Leiden, vor allem aber die Nähe anderer Menschen. Das Gebet um Heilung ist gerade da wichtig, wo die Menschen täglich die Unzulänglichkeit eines staatlichen Gesundheitssystems erfahren, das ihnen keine Medizin bieten kann. Da bleibt vielen nur das Gebet und die helfende Nähe anderer Gläubigen.

Heutzutage sind ähnliche Gottesdienste auch in vielen katholischen Gemeinde zu finden. Sie haben ihren Ursprung in der charismatischen Bewegung. Der Afrikamissionar Pater Anton Weidelener berichtet von seiner Erfahrung in Burkina Faso und meint: "Die charismatische Bewegung hat der Kirche sicher viel gebracht. Sie ist nach dem zweiten vatikanischen Konzil entstanden und mehr aus der "Pfingstbewegung" gekommen. Sie ist weniger amtsbezogen und lässt sich vom Geiste Gottes inspirieren. In vielen Ländern Afrikas hat sie sehr schnell Boden gefasst und in den Pfarreien viele gute Entwicklungen eingeleitet. Ich möchte die charismatischen Gruppen in unseren Pfarreien nicht missen."

Ihm gefällt, dass diese Gruppen sehr aktiv sind. Sie machen Krankenbesuche und helfen den Armen. Vor allem aber pflegen sie das inspirierte Gebet. Es wird frei gebetet, frei gesungen, frei gesprochen und nicht abgelesen. Jeder sagt, was ihm der Geist gerade eingibt. Pater Weidelener meint: "Das ist ein Vorteil und gleichzeitig eine Schwäche. Es wird viel gesagt und geredet. Manches hat keine theologische Basis." Darum ist für ihn wichtig, dass diese Gruppen eine gute theologische Begleitung und eine glaubensmäßige Ausbildung haben. In schwierigen Situationen dürften die Menschen nicht auf sich allein gestellt sein. Er betont: "Geistige Begleitung darf nicht fehlen."

Die Gruppen pflegen besonders Gebete zur Heilung von Menschen. Sie lassen Kranke kommen, Vorsteher und Gruppe legen den Kranken die Hände auf. Sie sind tief davon überzeugt, dass oft Heilungen vorkommen. "Wenn tatsächlich etwas außergewöhnliches geschehen ist, wird das natürlich in den Vordergrund geschoben. Das ist vielleicht ein Raum in dem sie sich unabhängiger machen", erzählt der Pater.

Die Gruppen in den Pfarreien treffen sich in ihren Häusern und an anderen Orten als in der Kirche. Besonders dort, wo die theologische Ausbildung ungenügend ist, schwört schon mal ein Gruppenleiter die Menschen auf seine eigenen Ideen ein und macht sich unabhängig. "Wenn der Pfarrer sie gelegentlich zusammenkommen lässt, um mit ihnen zu reden, kann es sein, dass die eine oder andere Gruppe, oder ihr Leiter nicht mehr kommt", berichtet Pater Weidelener. "Vielleicht haben sie Angst, man würde ihnen sagen, die Gruppe ginge zu weit, oder man löse sogar die Gruppe auf. Dann wird das schnell eine unabhängige Gruppe, die sich halb von der Kirche gespalten hat."

Trotz dieser Gefahr ist Pater Weidelener von der positiven Auswirkung der charismatischen Gruppen in der afrikanischen katholischen Kirche überzeugt. "Die charismatische Bewegung hat in der Kirche wirklich etwas bewegt", sagt er. "Auf einmal hat man gemerkt, dass die Kirche nicht nur Amt ist, sondern auch Geist Gottes, dass sie vom Geist Gottes geleitet wird und diesen Geist verehrt."

Pater Hans B. Schering, Kontinente, Januar /2004

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