logo100.gif (1789 Byte)

Afrikamissionare - Weisse Väter
Ludwigsburger Str. 21
50739 Köln
Länderbericht Elfenbeinküste

home

[zurück zu Beiträge]         [zurück zu "Aktuelle Nachrichten"]

Nichts geht mehr

"Elfenbeinküste" klingt nach dem Reichtum, den Seefahrer und Kolonialisten einst in Afrika suchten. Wohlstand und Frieden schienen auch nach der Unabhängigkeit dort beheimatet. Doch fallende Preise auf dem Weltmarkt brachten dem Land weniger Geld und große Probleme.

Ganze 14 Tage dauerte es, bis der Präsident der Elfenbeinküste Laurent Gbagbo es wagte, in Abidjan vor seine Landsleute zu treten, um ihnen das Abkommen schmackhaft zu machen, das im französischen Macoussis unter der Schirmherrschaft der dortigen Staatsführung zwischen der Regierung der Elfenbeinküste und drei Rebellenbewegungen getroffen worden war. Nach dem Bekanntwerden der Bedingungen des Abkommens kam es im Süden des Landes zu massiven Unruhen. Inhalt der Übereinkunft ist, dass der Präsident bis zum Jahr 2005 im Amt bleiben und eine Regierung der nationalen Einheit anführen soll. Der ehemalige Premierminister Seydou Diarra wurde mit der Bildung einer Regierung der nationalen Versöhnung beauftragt. Eine aufgebrachte Menge tausender Jugendlicher verhinderte anfänglich durch die Besetzung des Flughafens und der Landebahn von Abidjan seine Ankunft und protestierten dagegen, die Rebellen im Norden und Westen des Landes fast gleichberechtigt an der Regierung zu beteiligen. Aus "Sicherheitsgründen" blieben die Vertreter der Opposition und der Rebellen denn auch der Einsetzung der neuen Regierung Mitte März fern.

Seit dem 19. September 2002 herrscht Bürgerkrieg in dem westafrikanischen Staat. Das Land ist in drei Teile gespalten. Auslöser der Rebellion war die Demobilisierung von etwa 800 aus dem Norden stammender Soldaten, die sich gegen ihre Entlassung zur Wehr setzten. Mit Gleichgesinnten der Rebellenbewegung, die ihr Hauptquartier im Nachbarstaat Burkina Faso hat, brachten sie Städte im Norden in ihre Gewalt und starteten den Marsch nach Süden, den die reguläre Armee aufzuhalten versuchte. Tausende Einwanderer aus den im Norden angrenzenden Ländern flohen aus dem Süden, wo sie von der Bevölkerung drangsaliert worden waren. Durch die Vermittlung westafrikanischer Staaten wurde am 17. Oktober 2002 ein Waffenstillstand geschlossen. Soldaten der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) überwachen gemeinsam mit mehr als 3000 französischen Elitesoldaten die Waffenstillstandslinie. Nach dem Abkommen von Macoussis richteten sich die tagelangen Protestaktionen und Ausschreitungen besonders gegen französische Niederlassungen und gegen die Soldaten, die Frankreich zur Stabilisierung des Landes entsandt hatte. Die Protestierenden fühlten sich von Frankreich verraten und riefen nach einem neuen Retter, den sie im Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ausgemacht hatten. Frankreich riet seinen 20000 Bürgern in der Elfenbeinküste zur Ausreise.

Das Abkommen von Macoussis wird von den Demonstranten im Süden der Elfenbeinküste als Diktat Frankreichs betrachtet. Präsident Gbagbo präsentierte es darum seinen Landsleuten nur zögerlich und meinte: "Wir haben eine Arbeitsgrundlage vereinbart, nehmen wir doch den Geist und den generellen Entwurf des Vertrages an. Ich bin kein Betrüger. Wir werden sehen, ob es funktioniert." Alle Vollmachten, die er nach der Wahl vom Oktober 2002 und laut Landesverfassung hat, will er behalten. So versuchte er die Befürchtungen seiner Landsleute im Süden des Landes zu beschwichtigen. Jahrelang war die Elfenbeinküste das Paradebeispiel französischer Kolonialpolitik und galt als Vorzeigestaat, der "trotz" der Unabhängigkeit 1960 eine geordnete Entwicklung hin zu einer kapitalistischen Wirtschaft vorweisen konnte, keine politischen Unruhen kannte und seinen Platz an der Seite Frankreichs wusste.

Vor einem Jahr wurde erstmals vor der Küste des Landes im westafrikanischen Golf von Guinea Öl gefördert. Das hätte vielleicht eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage bringen können. Das Land hat sonst kaum Bodenschätze vorzuweisen. Die Entwicklung konzentrierte sich in den Jahren des Präsidenten Felix Houphouet-Boigny von 1960 bis 1983 besonders auf die Landwirtschaft. Unter seiner Führung und mit tatkräftiger Unterstützung französischer Experten wurde die Elfenbeinküste zu einem der weltweit größten Exporteure von Kakao, Kaffee und Palmöl. Für den Export werden im trockeneren Norden Baumwolle sowie im regenreicheren Süden Palmöl und Südfrüchte produziert. Fallende Weltmarktpreise trugen zu den Wirren bei, die das Land seit dem Militärputsch unter General Robert Guei am 25. Dezember 1999 nicht mehr zur Ruhe kommen ließen. Auch die Ausländerfrage spielte eine große Rolle. Die Arbeitskräfte sind zu einem großen Teil als Gastarbeiter aus den nördlich gelegenen Ländern Burkina Faso und Mali gekommen. Ein Drittel der Bevölkerung der Elfenbeinküste stammt aus diesen beiden Staaten, und viele von ihnen haben sich endgültig in der Elfenbeinküste niedergelassen. Da sie zumeist Muslime sind, verstärkten sich mit dieser Einwanderung auch die religiösen Gegensätze und die Befürchtungen der Bevölkerung des Südens. Seltsamerweise verläuft die Waffenstillstandslinie in etwa entlang einer Grenze zwischen dem "islamischen" Norden, wo die "Patriotische Bewegung der Elfenbeinküste (MPCI)" die Macht ausübt, und dem "christlichen" Süden, den die Armee beherrscht. Religiöse Differenzen spielen ganz sicher auch eine Rolle, selbst wenn die Führer der verschiedenen Religionen betonen, dass dieser Bürgerkrieg keine religiösen Hintergründe habe. In einer gemeinsamen Erklärung verlangen sie, zum Frieden zurückzukehren. Als Gründe für die Auseinandersetzungen sehen sie Korruption, Nepotismus und Stammesdünkel sowie die Profitsucht, die das Land in den letzten Jahren ergriffen hätten. Sie verurteilen die unehrliche und gefährliche Ausnutzung religiöser Unterschiede für politische Zwecke.

Die katholische Bischofskonferenz des Landes beklagte Ende Februar sogar ein nationales und internationales Komplott. Nach einer Meldung der Katholischen Nachrichten-Agentur betonten die Bischöfe der Elfenbeinküste in einer in Abidjan veröffentlichten Erklärung, die eigenen Politiker hätten das Land durch Intrigen und Allianzen in die seit Monaten andauernde Katastrophe gestürzt. Aber auch die internationale Gemeinschaft trage Schuld an dem Elend, da sie aus der Krise des Landes Profit zu schlagen versuche. Auch wenn eine Anzahl von Schwestern und Patres der missionierenden Orden aus dem Norden evakuiert worden sind, verblieb der größere Teil der Missionare aus Solidarität mit der Bevölkerung in den Rebellengebieten und kann relativ frei der Arbeit nachgehen.

Die von Politikern im Süden immer wieder behauptete Einmischung ausländischer Regierungen in die Probleme der Elfenbeinküste ist nicht so einfach von der Hand zu weisen. Die Elfenbeinküste ist ein Interessengebiet für die nördlichen Nachbarstaaten Mali und Burkina Faso, die bislang über die Häfen der Elfenbeinküste den Großteil ihres Außenhandels abwickeln. Es gibt Berichte, wonach Waffen aus Burkina Faso zu den Rebellen gelangt sein sollen. Augenzeugen berichten auch von einer Verstrickung Libyens, das über Niamey, der Hauptstadt von Niger, Truppen und Kriegsmaterial in den Norden der Elfenbeinküste gebracht haben soll.

Im Westen, entlang der Grenze zu Liberia und Guinea, haben die Rebellen der "Bewegung des großen Westens" (Mpigo) und eine weitere Rebellenbewegung, die "Bewegung für Gerechtigkeit und Frieden" (MJP), das Sagen. Berichte sprechen von Unterstützung aus dem unruhigen und bürgerkriegserfahrenen Nachbarstaat Liberia für diese Rebellen. In allen Landesteilen ist es nach Agenturmeldungen zu Repressalien und Ausschreitungen durch die jeweils herrschende Partei gekommen. Immer wieder wird der Waffenstillstand gebrochen, und die humanitäre Situation der Bevölkerung verschlechtert sich dramatisch. Seit die Regierungsmitglieder der Opposition und der Rebellenbewegungen ihre Teilnahme an der Vereidigung der neuen Regierung verweigerten, ist neben der Wirtschaft auch die politische Entwicklung zum Stillstand gekommen.

Pater Hans B. Schering, Kontinente Mai/Juni 2003

[zurück zu Beiträge] 

[zurück zu "Aktuelle Nachrichten"]


home