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Afrikamissionare - Weisse Väter
Ludwigsburger Str. 21
50739 Köln
In Kontinente - 5/2005

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G
egenGewalt

Die Elfenbeinküste ist gespalten. Rebellen halten die nördlichen Gebiete, der Süden untersteht der Regierung. Doch wer hat die Kontrolle in einer Gesellschaft, die mittlerweile auf allen Ebenen von Gewalt durchsetzt ist? Hoffnung gibt es nur, wenn schon auf der untersten Ebene die Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Ein Missionar in Abidjan hilft bei der Suche.

D
as Gebrüll auf dem Schulhof wird immer lauter. Achmed ist seinem Mitschüler Francois mit einem geübten Griff an die Kehle gegangen, der wehrt sich mit einem Tritt gegen das Schienbein des Angreifers. Gerade noch hatten die beiden Neunjährigen Fußball gespielt, jetzt rollen sie sich im erbitterten Zweikampf im Staub des Schulhofes. In Windeseile bilden die anderen Mitspieler, einen Kreis um die beiden Kampfhähne, feuern schreiend die Kontrahenten an. Die Mädchen nebenan hören mit dem Seilpringen auf, schauen schüchtern herüber. Andere Kinder kommen herbeigerannt, denn es ist etwas los, das müssen sie sehen.

Ein Lehrer erhebt sich langsam von seinem Platz im Schatten eines Mangobaumes und macht dem Kampf ein Ende. Francois Nase ist blutig, Achmed hinkt, beide sind über und über mit grauem Staub bedeckt. Auch als der Lehrer die beiden getrennt hat, brummeln die noch Verwünschungen und Beschimpfungen. Der Lehrer lässt ein stimmgewaltiges "Silence" hören lässt und schickt beide in die Klasse.

Das Machtwort des Lehrer beendet für den Moment die Gewaltsituation. Die war nur entstanden, weil Francois beim Fußballspiel statt des Balles den Fuß von Achmed getroffen hatte. Die übliche Reaktion der Kinder ist "Gewalt", lange Ursachenforschung und Erklärungen gibt es nicht. Streit und Probleme werden mit physischer Gewalt gelöst. Der Stärkere hat Recht.

Seit diese Kinder zur Schule gehen, herrscht in ihrem Land, der Elfenbeinküste, eine Art von Bürgerkrieg, der das Land wie die Bevölkerung trennt und spaltet. Die ganze Gesellschaft ist von Gewalt beherrscht. Damit müssen die Menschen jeden Tag leben. In den Stadtvierteln Abidjans wächst das Misstrauen unter den Nachbarn, auch weil viele aus dem von Rebellen regierten Norden der Elfenbeinküste oder aus nördlichen Nachbarstaaten kommen, die als Kriegstreiber angesehen werden. Auf den Straßen haben Polizei und das Militär das Sagen, viele Verkehrskontrollen verhindern freie Fahrt. In den Städten gibt es immer wieder Demonstrationen, bei denen die Teilnehmer sich durchaus gewaltbereit geben. In den Familien und natürlich auch in der Schule ist Gewalt keine Ausnahme. In der Notsituation und der wirtschaftlichen Krise wächst auch die alltägliche Kriminalität.

Ein Angebot zur gewaltfreien Lösung von Konflikten macht Pater Andreas Göpfert. Seit 2003 ist der Pater in Abidjan. Er gehört zu den Afrikamissionaren - Weissen Vätern und arbeitet an einer Hochschule in Abidjan, wo ein Theologiestudium angeboten wird, das besonders auf die Bedürfnisse jener Missionsorden zugeschnitten ist, die schwerpunktmäßig in Afrika arbeiten. Dieses "Centre de Formation Missionaire d’Abidjan" (C.F.M.A.) wurde 2002 begonnen. Es ist heute so etwas wie ein prophetisches Zeichen inmitten einer Gesellschaft, die unsicher über ihre eigene Zukunft ist. 29 junge Männer haben im ersten Jahr das Theologiestudium begonnen. Sie kommen zumeist aus anderen Ländern Afrikas und viele von ihnen waren nur mit Zögern und unter Vorbehalten nach Abidjan gekommen. Sie hatten über die prekäre Lage in der Elfenbeinküste und in Abidjan gehört und gelesen. Es verlangt schon Mut, hier ein Studium zu beginnen.

Zu Pensum dieser Studenten gehört auch ein Kurs in "Frieden und Friedensforschung" den Pater Göpfert hält. Er hatte in Dublin und Namur Studien zu diesem Spezialgebiet gemacht und gibt nun seine Kurse an mehreren Hochschulen in der Elfenbeinküste. Darüber hinaus arbeitet er gemeinsam mit dem "Centre de Recherche et d’Action pour la Paix"(CERAP), das Kurse über Frieden und Menschenrechte anbietet. Pater Göpfert erarbeitet mit Grund- und Gymnasiallehrern die Thematik von Konflikten und Konfliktlösungen innerhalb von Schulen. Er gehört auch zu einem mobilen Team des CERAP, das vor Ort in den Schulen mit den Schülern neue Lerneinheiten über Frieden und Konfliktlösungen praktisch umsetzt. Nur langfristig kann das Gewaltproblem gelöst werden. Das fängt mit der Erziehung von Kindern und Jugendlichen an. Inzwischen gibt es begründete Hoffnung, dass die zukünftige erwachsene Generation zum Dialog bereit ist und mit ihren Problemen und Konflikten gewaltfrei umgehen wird.

Vier Grundschulen Abidjans wurden Teil eines Pilotprojektes, das Schülern helfen soll Konflikte aufzuarbeiten. Aus den einzelnen Klassen wurden Schüler ausgewählt, die an mehreren Lerneinheiten teilnahmen. Sie erfahren dabei viel über Konfliktursachen und Eskalation, über Gewalt wie auch über kreatives und gewaltfreies Umgehen mit Konflikten.

Die Kinder lernen "im Spielen". Mit improvisierten Theaterstücken und gestellten Szenen erarbeiten sie sich ihre eigene Perspektive. Anfangs sahen die Schüler nichts Unnormales in Gewalt. Doch dann entwickelten sie sich im Friedensunterricht selbst neue gewaltfreie Alternativen. Danach erstellten sie Listen von Konflikten, die es in ihren Schulen gib, an die sie sich schon gewöhnt hatten. Diese Konflikte spielen sie noch einmal nach. Schnell wird klar, dass es wenig Dialog gibt. Konflikte beginnen immer verbal mit Beschimpfungen, schlagen aber in Sekundenschnelle in physische Gewalt um. An den Schulen handelt es sich dabei meist um "Kinderkonflikte". Die beginnen beim Spiel oder beim Tausch von Sachen, wenn sich jemand übervorteilt fühlt. Das eigentliche Problem ist, dass die Kinder gar keine Alternative sehen. Die Gesellschaft un sie herum macht es ihnen vor, Probleme werden mit Gewalt gelöst. Auf politischer Ebene, an den Universitäten oder in den Wohnvierteln sehen die Kinder nur ein Schema für die Lösung: Gewalt.

Achmed und Francois sitzen kurz darauf wie zwei arme Sünder auf der Bank beim Mediator. Der Mediator oder "Schiedsmann" ist ein Schulkamerad. Er hat den Kurs über Konfliktlösungen mitgemacht und ist nicht viel älter als die beiden Kontrahenten. Deren Spielkameraden werden gleich zur Sitzung hinzugerufen. Sie spielen ihre Situation, die vorher ernst war, noch einmal durch. Der Mediator achtet darauf, dass es nicht wieder in ernst ausartet. Die Gruppe wird gefragt: was habt ihr gesehen? Dann fragt der Mediator Achmed und Francois, wie sie sich eine Lösungsmöglichkeit vorstellen. Beide erzählen ihre Sicht vom Konflikt. Wichtig ist, dass sie sich gegenseitig zuhören. Damit beginnt schon die Vermittlung.

Pater Göpfert und der Klassenlehrer haben sich im Hintergrund gehalten. Erst als die Schüler eine allseits akzeptierte Lösung gefunden haben, kommen sie hinzu und bitten die Schüler alles noch einmal in Form eines Theaterspiels auch den anderen Mitschülerinnen und Mitschüler verständlich zu machen.

Nach der Schule sitzen die beiden Kämpfer friedlich vor Achmeds Elternhaus und teilen sie sich zum Abendessen ihre Lieblingsspeise "Aloko", frittierte Kochbananen, die Achmeds größere Schwestern immer besonders gut zubereiten.

Hans B. Schering, September 2005

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