![]() |
Afrikamissionare - Weisse Väter Ludwigsburger Str. 21 50739 Köln |
| In Kontinente 3/2002 | home |
| [zurück zu Beiträge] [zurück zu "Aktuelle Nachrichten"] | |
Für eine Löffelspitze Gold |
|
Gold fasziniert die Menschen in aller Welt. Sprichworte und Redewendungen der Völker bezeugen seinen Wert. Männer und Frauen schmücken sich mit seinem Glanz. Doch der Erde das Gold zu entreißen, bedeutet harte Arbeit. |
|
Im Führerhaus des Werkstattbullis ist es eng für drei Personen. Mit Bruder Jacques Fellmann von den Afrikamissionaren Weisse Väter fahren wir zur Stadt Ouahigouya hinaus. Der Schweizer kennt die Gegend wie seine Westentasche. Hier lebt und arbeitet er seit 1967. Wir folgen der Hauptstraße Richtung Norden. Ein paar Kilometer fahren wir auf einer guten Teerdecke, die schon bald von einer gepflegten Geröllpiste abgelöst wird. Auch darauf lässt es sich nicht schlecht fahren. Sieben Kilometer weiter biegt Bruder Fellmann rechts ab auf einen Buschweg. Jetzt wird die Fahrt sehr langsam und holprig. Doch auch hier weiß der Fahrer Bescheid. Elegant umkurvt er ein paar Schlaglöcher, nimmt noch eine Kurve, dann sind wir da. Wir besuchen Ali und seine Frau Bibata. Sie leben hier im Busch in einem primitiven Camp. Das Auto haben wir etwa 50 Meter entfernt stehen lassen und gehen zu Fuß den Pfad zur Wohnstatt. Links und rechts des Weges liegen überall hoch aufgeworfene Haufen rostbrauner Erde. Es sieht aus, als hätte ein riesiger Bagger wahllos die Erde aufgewühlt. Schon von weitem werden wir mit einem freundlichen Ruf von Bibata begrüßt. Ali sitzt im Schatten unter einem Shea-Nussbaum. Natürlich hat er das Auto längst gehört und uns kommen sehen. Jetzt steht er auf und kommt auf uns zu. Bruder Jacques begrüßt ihn in Mossi. Offensichtlich ist er hier kein Unbekannter. Alis Frau Bibata ist gerade mit dem Reinigen von Erdnüssen beschäftigt. Sie setzt ihren Korb ab und begrüßt jeden von uns noch einmal selbstbewusst und freundlich mit einem Handschlag. Nur die kleine Tochter von Ali und Bibata zögert noch, den fremden weißen Leuten die Hand zu geben. Sie kennt nur Bruder Jacques, ihm reicht sie schüchtern von weitem die Hand. Dann verkriecht sie sich hinter den Rockschößen der Mutter. Während Bibata sich wieder lachend an ihre Arbeit macht, lugt das Töchterchen aus sicherer Entfernung noch einmal nach dem ungewohnten Besuch. Gleich neben der einfachen Behausung, die als Wohnraum, Schlafstätte und Vorratskammer dient, steht eine mit einer geflochtenen Grasmatte verhüllte Konstruktion: das Geister- oder Ahnenhaus. Das darf nicht fotografiert werden, meint Bruder Jacques. Fremde dürfen auch nicht hineinschauen. Der Hausherr nennt sich Ali, das ist eigentlich ein islamischer Name. Doch Ali ist wohl eher anderen Traditionen verpflichtet. Er gehört zur Kaste der Schmiede. Bei vielen Stämmen Westafrikas haben Schmiede eine besondere, separate Stellung inne. Sie gelten als Hüter des Feuers. Die Frauen aus dieser Kaste sind Töpferinnen, stellen Töpfe her und brennen sie. Das ist ihr Privileg, weil ja auch sie mit dem Feuer zu tun haben, es hüten und bändigen. Wenn ein Mensch vom Blitz getroffen wird, darf er zuerst nur von Leuten aus der Kaste der Schmiede angefasst werden, alle anderen würden durch die Kraft des Blitzes sterben. Das ist in Westafrika eine weitverbreitete Meinung. Ali ist gern bereit, uns etwas von seiner Arbeit zu zeigen. Er arbeitet hauptberuflich als Goldgräber, wir sind auf seiner Konzession. Ein paar Leute hat er noch angestellt, die mit ihm zusammen hier ihrer schweren Arbeit nachgehen. Zuerst zeigt er uns, wo und in welchem harten Gestein Gold zu finden ist. Der Goldstaub ist in einem weißbräunlichen Fels eingeschlossen. Ganze Brocken hacken er und seine Mitarbeiter davon aus einer Ader. Sie graben drei, vier Meter tiefe Schächte in die Erde hinab. Unten werden Querschächte parallel neben der Goldader her getrieben. Auf dem Rücken liegend oder nur in der Hocke sitzend schlagen die Männer Steinbrocken aus dem harten Fels. In einem alten, verbeulten Eimer befördern sie die Brocken zum senkrechten Schacht. Mit Muskelkraft, einem Seil und einem Korb wird das abgebaute Gestein an die Erdoberfläche hochgezogen. Alles ist mühsame Handarbeit. Gleich neben dem Schacht zerschlagen die Männer die Steine zu kleineren Brocken und diese wieder in kleinere Steinchen. Die verkauft Ali sackweise an seine Frau. Von ihr werden die Steinchen in einem Mörser weiter zu Staub zerstampft. Danach kauft Ali das zerbröselte Gestein von ihr zurück. Auf einer besonderen Konstruktion beginnt jetzt das eigentliche Auswaschen des Goldes. Das Steinmehl wird in Wasser aufgelöst. Diese Flüssigkeit gießt Ali oben in eine schräg gestellte Holzrinne. Der Boden dieser Rinne ist von einer Art Teppich oder einer alten Wolldecke bedeckt. Das herabfließende Wasser schwemmt den Erdanteil mit nach unten. Die Goldpartikel aber sind schwerer, sie sinken schneller ab und bleiben in der haarigen Decke hängen. Die Decke wird nach einiger Zeit ausgewaschen und der Großteil der Goldpartikel ist nun in der neuen Flüssigkeit. Diese wird in einer Pfanne ausgewaschen, wie es von Bildern anderer Goldwäscher bekannt ist. Die Pfanne wird im Kreis geschwenkt, die schwereren Goldpartikel sinken nach unten, der Rest der Erde wird ausgeschwemmt. Am Ende bleibt noch ein wenig Goldstaub in der Pfanne übrig. Es ist so wenig, dass nur ein geübtes Auge das Gold erkennen kann. Was Ali bei der Demonstration ausgewaschen hat, trocknet er über einer Flamme. Anschließend wird der Goldstaub mit einer Goldwaage abgewogen. Gold wird nach Gewicht bezahlt. Das Endprodukt der Vorführung ist vielleicht 50 Cent wert. Harte Arbeit für so wenig Gold. Ali zeigt uns auch einen kleinen Goldklumpen. Aber die großen Nuggets sind sehr, sehr selten. Doch auch so lohnt sich die Mühe für Ali. Er hat ein Motorrad angeschafft, seiner Frau hat er sein Moped verkauft. So ist es Tradition, Eheleute halten im Wirtschaftlichen getrennte Kassen. Was Ali verdient, investiert er meist in Rinder. Ein paar Ochsen hat er trainieren lassen, mit denen pflügt er die Felder seiner Farm. Seit einiger Zeit geht Ali außerdem zur Abendschule, lernt Schreiben und Rechnen, auch ein wenig Französisch. Vor ein paar Wochen stießen die
Goldgräber beim Ausschachten auf einige Gräber. In großen Tontöpfen waren dort
Menschen beigesetzt. Die Skelette sind noch gut erhalten. Ali behauptet es seien Tote der
Dogon. Das ist ein Volk, das vor hunderten von Jahren hier gelebt hatte, hier weggezogen
war und heute in der Fallaise in Mali lebt. Die vielversprechende Ader hat Ali nach dem
Fund der Gräber nicht weiter verfolgt. Er wird dort auch in Zukunft nicht mehr graben,
denn die Toten bewachen diese Goldader und hindern ihn daran, etwas zu finden. Sie würden
ihn vielleicht noch ins Unglück stürzen, glaubt er. Eine weitere, aber positivere
Entdeckung hat Ali gemacht: Unten in den Schächten ist es kühl, wenn zwei Schächte
durch einen Querschacht miteinander verbunden sind, zirkuliert die Luft durch das
Schachtsystem. Hier lassen sich Saatkartoffeln aufheben. Sie halten sich dort bis zum
nächsten Jahr, während sie sonst bei der Hitze im Sahel kaum aufzubewahren sind und
jedes Jahr neu gekauft werden müssen. Im Herzen ist der Goldgräber eben doch ein Bauer
geblieben. |
|
| [zurück zu Beiträge] | |