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Afrikamissionare - Weisse Väter
Ludwigsburger Str. 21
50739 Köln
In Kontinente 3/2004

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Raus aus dem Sumpf
Schwester Jacqueline ist nicht zu halten, wenn sie von "ihren Frauen" erzählt. Es ist ihr anzusehen, wie sie mit ihnen leidet, wenn sie über Probleme spricht und jeder Erfolg ist wie ein persönlicher Triumph. In Tamale, einer Großstadt von 350000 Einwohnern im nördlichen Ghana, begleitet sie seit Jahren Mädchen und Frauen, damit die aus dem Sumpf der Prostitution herauskommen. Konsequent auf einen neuen Lebensweg hinarbeiten, ist schwierig für alle, auch für jene, die dabei helfen wollen.

Es ist so schwer jeden Tag zur Arbeit zu gehen", war lange Zeit Julias Ausrede. Wahrscheinlich hätte sie ihre Ausbildung längst aufgegeben, wäre nicht Jacqueline Picard, eine kanadische Weisse Schwester, immer wieder hinter ihr her gewesen. Wenn Julia nicht an ihrem Ausbildungsplatz erschien, war irgendwann Schwester Jacqueline zur Stelle und erinnerte sie. Das ist Teil des Projektes Colwod, das die Schwester seit sechs Jahren leitet.

Anfangs machte es Julia Schwierigkeiten, sich wieder an ein regelmäßiges Leben zu gewöhnen. Jahrelang hatte sie als Prostituierte ein turbulentes und unsicheres Leben geführt. Nicht freiwillig, sondern notgedrungen. Sie musste ihre drei Kinder durchbringen, ihr Mann hatte sich über Nacht davon gemacht und sich eine jüngere Frau im Süden gesucht. Julia stand mit ihrer Familie von heute auf morgen allein da. In Tamale gab es für sie keine Großfamilie, die ihr unter die Arme gegriffen hätte. Auch keine Nachbarschaftshilfe, mit der sie über die Runden gekommen wäre. Zuerst versuchte sie es mit ein wenig Handel. Sie verkaufte Zucker und Mehl in kleinen Portionen. Aber das brachte nichts ein, und die Kinder brauchten etwas zu essen. Irgendwann wusste sie sich nicht mehr zu helfen. In ihrer Verzweiflung erschien die Prostitution als einfacher und letzter Ausweg. Doch das "leichte Geld" war nur schwer zu verdienen. Ihr ganzes Leben geriet durcheinander. Der Wunsch wurde immer stärker, aus diesem Metier auszusteigen. Doch das schien fast aussichtslos.

Hilfe erhielt sie schließlich von Colwod (Collaboration With Women in Distress - Zusammenarbeit mit Frauen in Problemsituationen). Dieses Projekt hatte die Weisse Schwester Constance Gemme zu Beginn der neuziger Jahre gegründet. Sie hatte erkannt, wie in der einstmals kleinen Provinzhauptstadt im Norden Ghanas durch die rapide Verstädterung der sechziger und siebziger Jahre, die sozialen Probleme in erschreckendem Maße zunahmen. Traditionelle Gesellschaftsstrukturen zerbrachen. Zahllose junge Leute hatte es in die Städte gezogen und viele blieben auf der Strecke, besonders Mädchen und junge Frauen. Sie schafften es nicht, in dieser neuartigen Welt zu bestehen und kamen unter die Räder.

Um zu überleben blieb ihnen oft nichts anderes übrig, als ihren Körper zu verkaufen. Diese Frauen brauchten dringend Hilfe, meinte Schwester Constance. Sie stellte Kontakte her, beschaffte den Frauen Ausbildungsplätze bei örtlichen Schneidern, Webern, Friseusen, in der Schule für Sekretärinnen oder in einer Batik-Werkstatt. In den zwei oder drei Jahren der Ausbildung brauchen die Frauen Unterstützung für sich und ihre Kinder. Colwod hilft ihnen auch bei der Beschaffung von Wohnraum.

Irgendwann hatte Julia ihre Ausbildung geschafft, sie legte bei der staatlichen Ausbildungskommission die Prüfung ab und erhielt ein Zertifikat. Jetzt hat sie Dank Colwod eine eigene Werkstatt. Denn es gehört zu den Prinzipien dieses Projektes, nicht nur zu einer Ausbildung zu verhelfen, sondern den Frauen auch beizustehen, sich selbstständig zu machen. Von dem verdienten Geld ihrer Ausbildungszeit werden nach der bestandenen Abschlussprüfung die notwendigen Werkzeuge und Geräte besorgt für den Schritt in die berufliche Unabhängigkeit: Nähmaschinen, Bügeleisen, Material und was sonst für die Arbeit nötig sein mag. Die eigene Werkstatt ist ganz wichtig . Meist sind es Container, die Colwod kauft und den Frauen zur Verfügung stellt. Der Raum genügt für eine kleine Werkstatt, dient als Laden und ist sicher abzuschließen. Bis die Frauen ganz auf eigenen Füßen stehen können mit ihrer Arbeit, hilft das Projekt den Frauen mit der Beschaffung von Materialien wie Stoffe und Garn für die Schneiderei, Farbe und Wachs für die Batiken und mit Werkzeugen. Einmal in der Woche wird das Materiallager geöffnet. Nur an dem Tag ist etwas zu bekommen. Die Frauen müssen also planen und dann kaufen, was sie in der kommenden Woche verarbeiten werden.

Finanzielle Unterstützung erhält Colwod besonders aus Canada. Auch aus Ghana selber kommt Hilfe. Zum Beispiel kam es zu einem besonderen Arbeitsauftrag für einige Schneiderinnen, als die Firma "Ghana Textiles" Stoff für Schuluniformen spendete. Wochenlang nähten die Frauen die Schulkleidung für ein Taubstummen-Institut.

Was die Frauen sonst produzieren, können sie über einen Laden verkaufen, den Colwod eingerichtet hat. Mathilda Kemsies, die Frau eines deutschen Managers vom Tamale Wasserprojekt, schaut nach dem Laden und leitet den Verkauf. Hamsa, ein kleiner Straßenjunge verteilt in den Restaurants und Hotels Visitenkarten des kleinen Geschäftes. Am liebsten nimmt Hamsa die Gäste gleich mit zum Laden. Zum Dank haben ihm die Frauen eine Uniform genäht, die er immer anzieht, wenn er "im Dienst" ist. Schwester Jacqueline wirbt auch selbst für die Produkte "ihrer Frauen". Bei vielen Ausstellungen hat sie die Erzeugnisse schon ausgestellt. Besonders die Batikstoffe sind immer wieder ein farbiger Blickfang.

16 Frauen begleitet das Projekt Colwod jeweils für sechs Jahre. Scheidet eine aus und wird selbständig, kann eine Neue an ihren Platz kommen. Colwod verhilft den Frauen und Mädchen nicht nur zu wirtschaftlicher Sicherheit. Ganz wichtig ist das gesteigerte Selbstwertgefühl, das die Frauen aus ihrer Zusammenarbeit im Projekt mitnehmen. Sie entwickeln unter sich ein neues soziales Netz und helfen sich auf vielerlei Weise gegenseitig. Die Erfahrung der Not und Hilflosigkeit ist ihnen allen gemeinsam. Das schweißt zusammen. Sie wissen, wie wichtig eine gute Ausbildung ist. Beispielsweise hat Stella in der Zeit, als sie selbst noch von Colwod begleitet wurde, ihrer jüngeren Schwester eine Lehre als Friseuse ermöglicht. Danach kehrte das Mädchen in sein Heimatdorf in den Süden zurück, eröffnete einen Frisiersalon und ist sehr erfolgreich.

"Hin und wieder kommt es vor, dass der Erfolg der Frau die alte Familie wieder zusammenführt", erzählt Schwester Jacqueline. Sie meint, es sei meist nicht böser Wille oder "die neue Frau", weswegen Männer ihre Frauen und Kinder einfach sitzen ließen, sondern die scheinbar aussichtslose Situation. "Wenn Männer ihre Arbeit verlieren, fangen manche an zu trinken. So wird ihre Lage nur noch miserabler. Sie lösen oft vermeintlich das Problem, indem sie weglaufen", stellt die Schwester fest und schildert den Fall von Lydia, die durch Colwod einen Beruf erlernt hatte.

Lysias Mann war eines Tages ohne ein Wort verschwunden. Als nach Jahren Lydia ihre gut gehende Boutique hatte, stand er plötzlich wieder vor der Tür. Doch er hatte sich verrechnet, wenn er meinte, sich bei seiner Frau ins gemachte Nest setzen zu können. Es muss ein heilsamer Schock gewesen sein, als sie ihn hinauswarf und ihm sagte, er dürfe dann wiederkommen, wenn er aufgehört habe zu saufen und eine vernünftige Arbeit gelernt habe. Zum Erstaunen aller tat er genau das.

Pater Hans B Schering in kontinente 3/2004

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