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Kein Ghetto für Aids-Waisen

Im südlichen Afrika sterben Menschen "im besten Alter" an Aids. Zurück bleiben ihre Kinder. Die sind auf Hilfe von Verwandten angewiesen. Doch deren Familien kommen oft selbst kaum über die Runden. In Madisi in Malawi gründeten Salzkottener Schwestern eine Schule, die sich besonders der Aids-Waisen annimmt und sie in die Gesellschaft integriert.

Der staubige Marktplatz von Madisi liegt verlassen da. In der Hitze des frühen Nachmittags flimmert die Luft. Kein Mensch ist zu sehen. Auch die Hunde, die sonst überall herumstreunen, haben sich in den Schatten der Bäume und Hauswände zurückgezogen. Es ist still, nicht einmal die Zikaden singen. Eine einsame Hinweistafel am Rand des Platzes zeigt in die Richtung der Schule und des Zentrums für Aids-Waisen. Vom Schultor her ist schon leises Gekicher, eifriges Gezischel und halblautes Reden von emsigen Schulkindern zu hören, die gerade irgendwelche Probleme lösen und Spaß dabei haben.

Die Salzkottener Franziskanerinnen haben diese Schule in Madisi, 80 Kilometer nördlich von Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, aufgebaut. Ende 1984 waren die Schwestern hierher gekommen. Zwei Franziskanerinnen aus Indonesien und drei aus Deutschland arbeiten heute in Madisi. Schwester Raynelda Saragih aus Indonesien leitet den Schulbetrieb und Schwester Klara Lüers besorgt die Administration.

Die Schule ist besonders für Aids-Waisen gedacht, aber von den 480 Schülerinnen und Schülern sind 247 Kinder Waisen, die einen oder beide Elternteile verloren haben. Die Waisen leben bei ihren Familien, bei den Großeltern oder bei einem Onkel. Die können aber für die Erziehung und Ausbildung dieser Kinder nur wenig aufbringen. Das Schulgeld beträgt monatlich nur 200 malawische Kwatscha (etwa drei Euro), doch die meisten Familien sind arm, für sie ist das viel Geld. Und es ist schon ein Glück, dass die Aids-Waisen bei den Familien unterkommen. Sie sollen nicht in einem Ghetto leben und lernen, darum gehen auch Kinder aus "normalen" Familien in diese Schule. Meist sind das Kinder der Angestellten des Krankenhauses. Dazu kommen 60 Kinder aus anderen Familien im Ort. Diese Familien sind meist reich, aber sie bezahlen das Schulgeld immer als Letzte.

Acht Klassen hat die Schule seit Januar. In der achten Klasse sind Kinder, die nicht seit 1996 dabei sind, als die Schwestern mit dem Lehrbetrieb begonnen hatten. Sie waren im Januar 2002 von anderen Schulen gekommen und erst mit der siebten Klasse hier eingestiegen. Der Unterschied zu den "Eigengewächsen" ist beachtlich, sagt Schwester Klara, "die Kinder der Klas-se darunter sind weiter als die in der achten." Sauberkeit, Pünktlichkeit, Fleiß, Regelmäßigkeit und Disziplin sind für die Schule und beim Lernen wichtig. Schwester Raynelda ist sicher, dass das auch die guten Ergebnisse bringt. Die Lehrer der Schule sind angestellt und müssen von den Schwestern bezahlt werden. Der malawische Staat tut keinen Cent dazu.

Heute ist die Schule in schönen neuen Gebäuden untergebracht. Welch ein Unterschied zu den verschiedenen alten, leerstehenden Garagen, in denen 1996 alles begonnen hatte. Unterstützung für den Neubau kam von Wohltätern der Schwestern in Salzkotten, die Renate-Böker-Stiftung half mit beim Bau des Home-Craft-Centres. Patenschaften wurden übernommen, mit 13 Euro monatlich kann ein Waisenkind in Madisi unterstützt werden.

Schuluniformen sind Pflicht in Malawi. Waisenkinder bekommen ihre Uniform von der Schule gestellt, müssen sie aber selber waschen und in Stand halten, und sie dürfen sie auch nicht mit nach Hause nehmen. Waschen, Nähen und Bügeln lernen die Kinder am Nachmittag, nach dem "normalen" Schulbetrieb. Mittags gibt es für die Kinder in der Schule ein Essen. Danach kann es mit den freiwilligen Klubs losgehen und mit der "Home-Craft", bei der Jungen und Mädchen praktische Dinge für das tägliche Leben lernen. Mindestens 100 Kinder sind nachmittags noch da. Und gerne wären viel mehr dabei, doch im Augenblick ist die Kapazität mehr als ausgelastet. Es wird gewerkelt und gebastelt. Zwei junge Frauen aus Deutschland helfen für ein paar Monate bei den Gruppen. Sie zeigen den Kindern auch, wie schicke modische Bänder geflochten werden. Die sind bei Kindern hier ebenso begehrt wie bei den Kindern in Deutschland. In den Schulklubs ist die Palette der Möglichkeiten groß. Besonders Trommeln, Drama und Quiz sind bei den Kindern beliebt. Auch der Sport hat Zulauf, Fußball bei den Jungen und Netzball bei den Mädchen sind die großen Renner.

An diesem heißen Nachmittag sind alle Kinder im großen schattigen Saal zusammen. Einige üben eifrig das Nähen oder versuchen sich im Flechten. Dabei verwickeln sich schon mal die Finger in die verschiedenen Fäden. Es ist zwar noch kein Meister vom Himmel gefallen, doch sind die Kinder geschickt und lernen schnell. Verschiedene Gruppen setzen in einem Gemeinschaftsunternehmen ein großes Puzzle zusammen. Gerade das Puzzle-Spiel betrachten die Schwestern als wertvolle Hilfe für die Kinder. Afrikanische Kinder haben normalerweise keine Probleme, miteinander zu spielen. Sie imitieren mit viel Fantasie das tägliche Leben der Erwachsenen und spielen es nach. Wenn nötig erfinden sie die Spielzeuge, die sie gerade brauchen. Doch die Schwestern stellten fest, dass besonders viele Aids-Waisen dazu nicht mehr in der Lage sind. Die manchmal traumatische Erfahrung von Verlust und Tod in ihrem jungen Leben hat nur wenig Gemeinschaftsgefühl aufkommen lassen. Anfangs nahmen die Kinder einfach ein Spielzeug und saßen für sich allein in der Ecke, ohne auf die anderen Kinder zuzugehen. Oft schauten sie abwesend mit leeren Augen ins Weite. Da war das Mitmachen beim Puzzle-Spiel ein gutes Gegenmittel. Das spielerische Lernen half, sich zu konzentrieren. Heute arbeiten sie ganz selbstverständlich zusammen an einem Puzzle.

Gemeinsam wird ein neues Projekt angegangen: Wenn erst der Zaun fertig ist, wird ein Garten angelegt. Die Kinder sollen nicht nur lernen, wie Beete angelegt werden und Gemüse gepflanzt wird. Sie werden die Pflanzen pflegen, wässern und schließlich ernten. Beim Mittagessen in der Schule dürfen sie mit Stolz das essen, wozu sie mit Mühe und Fleiß selber beigetragen haben.

Pater Hans B. Schering, Juni 2003

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