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Nigeria: Zurück in die Vergangenheit |
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Seitdem mehrheitlich muslimische Staaten im Norden Nigerias die Scharia eingeführt haben, kommt das wirtschaftlich reichste Land Afrikas nicht zur Ruhe. Gesellschaftliche, ethnische und religiöse Spannungen brechen erneut in alter Schärfe auf. |
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Wieder durchlebt Nigeria schwierige Zeiten. Noch ist nicht klar, ob der westafrikanische Staat die neue Zerreißprobe überleben wird. Nicht das erste Mal nach der Unabhängigkeit von Großbritannien 1960 steht es schlecht um die Einheit des Landes. Diesmal ist es die Einführung der Scharia in bisher elf Staaten des Nordens, die für Sprengstoff zwischen Nord und Süd, zwischen Muslimen und Christen sorgt. Tausende Tote, brennende Kirchen und Moscheen, Milizen auf den Straßen und besorgte Appelle der christlichen Kirchen gehören inzwischen zum Alltag. Waren es vor einigen Jahren noch die Korruption und die ungerechte Verteilung der Reichtümer des Landes, die Sorgen machten, so ist es jetzt die radikale Haltung des Islam in den nördlichen Staaten, die zu Auseinandersetzungen zwischen den Nigerianern führt. Nigerias Verfassung schreibt die Trennung von Religion und Staat vor. Seit 1999 hat das Land in Olusegun Oba-sanjo einen demokratisch gewählten Präsidenten, nachdem es die meiste Zeit seit der Unabhängigkeit von Militärs regiert worden war. Diese stammten in ihrer Mehrheit aus den nördlichen, muslimischen Ethnien. Eine Wahrheitskommission nach dem Beispiel Südafrikas soll die korrupten Praktiken und die Menschenrechtsverletzungen der vergangenen Jahre aufarbeiten. Doch ist die Kommission nie mit der gleichen Machtfülle wie in Südafrika ausgestattet worden. Die ehemaligen Militärs sehen keine Veranlassung zu einer Zusammenarbeit, die nur zu ihrem Nachteil führen würde. Nigeria liegt am unteren Lauf des großen westafrikanischen Stroms Niger und hat von ihm seinen Namen. Die Grenzen des Staates sind eine Folge der Kolonialzeit. Mit 126 Millionen Einwohnern ist Nigeria heute der bevölkerungsreichste afrikanische Staat. Mehr als 250 verschiedene Ethnien leben in dem Vielvölkerstaat. Haussa und Fulani (29 Prozent) im Norden, Yuroba (21 Prozent) und Ibo (18 Prozent) im Süden bilden die stärksten Volksgruppen. Etwa 45 Prozent der Einwohner bekennen sich zum Islam, 49 Prozent sind Christen, etwa sechs Prozent praktizieren ihre traditionelle Religion. Die ehemalige britische Kolonie ist ein Flickenteppich von vielen Völkern, die eine je eigene Geschichte haben. Oft recht unterschiedliche Staaten und Kulturen haben sich entwickelt. Älteste Zeugnisse kulturellen Lebens sind die Terrakottafiguren der Nok-Kultur auf dem Jos-Plateau aus den Jahrhunderten vor und nach Christi Geburt. Im neunten Jahrhundert entsteht im heutigen Nordnigeria in der Region des Tschadsees das Reich Kanem-Borno. Die Haussa-Staaten Kano, Kasina und Zaria entwickeln im zehnten Jahrhundert eine ausgeprägte Stadtkultur. Kleinere Yoruba-Königreiche entstehen im folgenden Jahrhundert im Südwesten des heutigen Nigeria. Die bedeutendsten sind 15. Jahrhundert die heilige Stadt Ife, Oyo im 18. und Ibadan im 19. Jahrhundert. Etwas östlich von ihnen entsteht das Königreich Benin, von dessen Wichtigkeit und Größe heute noch bedeutende Kunstschätze zeugen. Die im Osten lebenden Igbo entwickeln keine zentralistische Staatsform, sondern leben in basisdemokratisch verwalteten Dorfgemeinschaften. Sie betreiben vor allen Dingen Ackerbau und Handel und sind durch ein System von Märkten miteinander verbunden. Im 17. Jahrhundert macht diese Struktur der unabhängigen Ortsgemeinschaften die Ibos besonders anfällig für Sklavenjäger. Sie sind die ersten Opfer der Nachfrage nach billigen Arbeitskräften auf den Plantagen Amerikas, ihnen folgen Sklaven aus dem Volk der Yoruba. Kontakte mit Europa beschränken sich bis ins 19. Jahrhundert auf den Handel mit den weißen Sklavenhändlern an der Küste. Erst 1851 beginnt Großbritannien Nigeria in sein Kolonialreich einzugliedern, wobei die Kontrolle über die verschiedenen Landesteile oft gegen erheblichen Widerstand der örtlichen Königreiche durchgesetzt wird. Im 20. Jahrhundert bilden sich erste politische Parteien, deren Ziel der Widerstand gegen die Kolonialmacht und das Erreichen von politischer Autonomie ist. Mit der Idealvorstellung eines Commonwealth of Nations versuchen die Briten dem Zerfall ihres Kolonialreiches entgegenzuwirken. Doch Nigeria wird 1960 unabhängig und erklärt sich 1963 zur Republik. Die bestehenden ethnischen Differenzen treten in der Folgezeit immer deutlicher zu Tage. Sie führen 1967 zum Bürgerkrieg, dem sogenannten Biafrakrieg. Die Westregion, das Territorium der Ibos, eine der ölreichsten Regionen der Welt wird (auch unter Mithilfe der Westmächte) im Staatsverband Nigerias gehalten. Mehr als eine Million Opfer sind zu beklagen, vor allem durch kriegsbedingten Hunger und Krankheiten. In den Jahren nach 1970 boomt die Öl-Industrie. Geld kommt ins Land. Neuaufbau und Entwicklung werden aber bald in den Schatten gestellt vom Wachstum einer begüterten Schicht und einer bislang unbekannten Ausweitung der Korruption. Verwickelt sind besonders die Militärs, die durch immer neue Staatsstreiche die Macht in ihren Reihen behalten und jegliche Demokratisierung verhindern. Die Militärs hatten schon lange versucht, Nigeria islamisch auszurichten, so auch mit dem geheimen und anfangs immer wieder geleugneten Beitritt Nigerias zur "Organisation der Islamischen Konferenz", der auf starken Widerstand bei der nicht-islamischen Bevölkerung stößt. 95 Prozent der Deviseneinnahmen Nigerias
stammen heute aus der Ölproduktion. Konzerne wie Shell stehen international in der
Kritik, weil sie eine äußerst rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen mittragen.
Auseinandersetzungen um die Profite führen zu gewaltsamer Unterdrückung von
Minderheiten-Völkern. Ein Beleg dafür ist der Kampf des Schriftstellers Ken Saro-Wiwa
für die Rechte der Ogoni. Saro-Wiwa wird 1995 von den Militärs erhängt. Daraufhin wird
Nigeria aus dem Commonwealth ausgeschlossen. Etwa ein Viertel der Christen Nigerias sind
Katholiken. Nach ersten Kontakten im 16. Jahrhundert beginnt eine wirkliche Mission erst
um 1850. Seither ist eine Kirche mit neun Erzbistümern und 34 Bistümern herangewachsen.
Einheimischer Klerus und Schwestern lösen die Missionsorden ab, die nur noch einen Anteil
von etwa 20 Prozent des Personals stellen. In einem Umfeld sozio-politischer Unsicherheit
ist die Kirche für viele Menschen ein Hoffnungsträger. Das Wort der Bischöfe findet
weit über die konfessionellen Grenzen Gehör, doch das Klima wird besonders im vom Islam
dominierten Norden immer intoleranter. Nigeria geht einer unsicheren Zukunft entgegen. |
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