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Verraten und verkauft |
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Die Misere der Gegenwart verkärt in Togo die Erinnerung an jene Zeit, als das Land eine deutsche Kolonie war. Doch schon damals war das Land nicht anderes als ein Spekulationsobjekt einzelner Länder oder Personen. |
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Der bewaffnete Soldat steht mitten auf der Straße, sein Tarnanzug lässt die Gestalt fast im Dunkeln verschwinden. Der auf das Fahrzeug gerichtete Gewehrlauf und die dem Auto entgegengestreckte Handfläche sprechen eine deutliche Sprache. Der Uniformierte nähert sich dem Fahrer, grüßt mit meinem höflichen "bon soir" während seine Augen das Innere der Kabine abchecken. "Ihr fahrt in die Stadt und geht ein Bier trinken", stellt er fest, "ich habe auch Durst, gib mir das Geld für ein Bier." Die Forderung ist unmissverständlich, und keine Frage. Nach Einbruch der Dunkelheit machen in Lome immer wieder Soldaten "Straßenkontrollen". Weiter im Hinterland kontrollieren Straßensperren aus dicken Baumstämmen den Verkehr auf den Hauptstraßen. Keine Chance, an den Gruppen der Soldaten vorbeizukommen, die gleich neben den Wegsperren campieren. Togo ist ein kleiner Staat an der westafrikanischen Küste, ein Landstreifen von ungefähr 80 Kilometern Breite und 800 Kilometern Länge zwischen den Staaten Ghana und Benin und im Norden mit einer Grenze von 120 Kilometern Länge zu Burkina Faso. Die Hauptstadt Lomé liegt am Meer und hat rund 800000 Einwohner. Zwei verschiedene Ethnien bewohnen das Land, im Süden vorwiegend Kwa-Völker, (Ewe) und im Norden die Volta-Völker, zu denen auch die Kabyé gehören, der Stamm des Präsidentenclans. Hauptsächlicher Wirtschaftsfaktor ist die Landwirtschaft und der stark rückgängige Abbau von Phosphat. 1884 wurde Togo zum deutschen Schutzgebiet als der Afrikaforscher Gustav Nachtigal einen Vertrag mit König Mlapa III. von Bagida abgeschlossen hatte. 1905 wurde es deutsche Kolonie, die nach der Niederlage gegen die Alliierten 1914 von den Franzosen und Engländern übernommen wurde. Später wurde das Gebiet Mandat des Völkerbundes. Der von den Engländern verwaltete Teil schloss sich der Republik Ghana an, die restlichen Gebiete wurden 1960 als "Republik Togo" von Frankreich unabhängig. 1892 kamen deutsche katholische Missionare ins Land, 1914 mussten sie es wieder verlassen, Missionare aus anderen Ländern nahmen ihre Stelle ein. Von den 5,5 Millionen Einwohnern sind heute etwa 1,2 Millionen Katholiken. Das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Kirche war nicht immer frei von Problemen, weil die Kirche sich nicht kontrollieren ließ. Als 1976 der Bischof von Atakpamé öffentlich das Regime kritisierte, musste er schließlich zurücktreten. Doch sein Nachfolger wurde nicht in die Diözese gelassen, weil die Regierung bei dessen Ernennung nicht konsultiert worden war. "Aufgebrachte" Bürger brannten die Kathedrale nieder. Als die Weihe des neuen Bischofs nach Lomé verlegt wurden war, drangen Polizisten und bewaffnete Parteijugend in die dortige Kathedrale ein und bedrohten und schlugen die 4000 anwesenden Gläubigen. Die christlichen Kirche haben zwar starken Einfluß in der Öffentlichkeit Togos, doch wenigstens die Hälfte der Einwohner praktiziert weiterhin ihre traditionelle VooDoo-Religion. Besonders im Norden des Landes hat die Minderheit der Muslime mit der Hilfe arabische Geldgeber in den vergangenen Jahren große Anstrengung in der Missionierung unternommen und massenweise Moscheen errichtet. Die meisten Menschen in Togo hatten nie einen anderen Regierungschef erlebt als Eyadema Gnassingbé, der 1963 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen war. Eyadema baute die Armee zum entscheidenden Machtfaktor aus. Manipulierte Wahlen, Günstlingswirtschaft, strikte Kontrolle der Medien, aber auch brutale Gewalt und Unterdrückung machten den ehemaligen Soldaten der französischen Armee und späteren Generalstabschef Togos bis zu seinem Tod zum uneingeschränkter Herrscher Togos. Die rund 10000 Soldaten der Armee stammen vorwiegend von den Kabyé, der Ethnie Eyademas. Als nach dem Tod des Alleinherrschers im Februar 2005 ein Machtvakuum zu entstehen drohte, wurde hastig die Verfassung geändert damit die Armee Faure Gnassingbé, den Sohn des Diktators, als Nachfolger einsetzen konnte. Durch die rasche Lösung der Nachfolgefrage sahen sich viele um die Chance gebracht, einen Wechsel herbeizuführen. Ein von der Opposition ausgerufener Streik wurde jedoch nur teilweise befolgt. ECOWAS und besonders der große Nachbar Nigeria drohten mit Sanktionen. Schließlich hob das Parlament die Verfassungsänderung auf und ordnete Neuwahlen für Ende April an. Faure Gnassingbé legte sein Präsidentenamt nieder und der Oppositionsführer Olympio kehrte im März zu einem triumphalen Empfang aus dem Exil in Frankreich zurück. Die Wahlen gewann gleichwohl Gnassingbé mit 60 Prozent. Die verlorene Wahl wurde von der zerstrittenen Opposition mit gewalttätigen Ausschreitungen beantwortet. Im Juni ernannte der Präsident in Edem Kodjo, einen Politiker der Opposition, zum Premierminister. Der hatte schon einmal unter seinem Vater gedient. Die Dinge laufen also wieder in den alten Gleisen. Wirtschaftlich ist das Land seit langer Zeit in einer Sackgasse. Anfangs von Frankreich und Deutschland gehätschelt, entwickelte sich Togo zu einem Vorzeigestaat. Vielversprechender Tourismus ließ große Hotels an den Stränden Lomés entstehen. Investitionen aus dem Ausland flossen. Während die Nachbarländer darben mussten, blühte Togo und seine Hauptstadt auf. Doch nach und nach wurde das Land unter Eyadema zum unbeliebten Außenseiter. Der Militärdiktator, der sich nie wirklich an die Vorgaben und Verträge hielt, wurde wirtschaftlich abgestraft und politisch kaltgestellt. Wenn am Staatspräsidenten ein Exempel statuiert werden sollte, hatte letztlich das Volk die Strafe auszubaden. Entwicklungshilfe wurde gestrichen, darauf blieben auch Investitionen aus und der wirtschaftliche Ruin war nur noch eine Frage der Zeit. Bald standen die Hotels leer, die Strände vergammelten. Doch die Stammes- und Clangenossen der Kabyè sind inzwischen mehr geworden als eine politische Hausmacht für den neuen Präsidenten. Heute sind fast alle höheren Posten in Staat und Wirtschaft von Leuten aus dem Norden besetzt, besonders mit Leuten aus Pya, dem Geburtsort Eyademas. Sie haben vor an den Hebeln der Macht zu bleiben. Auf kirchliche Vermittlung vereinbarten Regierung und Opposition bei Verhandlungen in Rom ein Ende der Gewalt und die Rückführung der Flüchtlinge. Doch die Zahl derer, die seit den Unruhen in den Nachbarländern Zuflucht suchen, steigt nach UN-Angaben weiter und hat mittlerweile 40.000 überschritten.Hans B. Schering, September 2005 |
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